Von der faulen Grete

Von der faulen Grete - Das Märchen von der EmanzipationMärchen-sind-Metaphern

Copyfree nur zum pirvaten Gebrauch

 

 

 

 

 

Das Märchen von der Emanzipation

 

Von der faulen Grete

 

Wenn der Winter seinen kalten Griff löst und die ersten alten Schneerosen blühen, sehen die Menschen den Frühling kommen. Und ihre Herzen öffnen sich wie die weißen Blütenkelche der Sonne entgegen. Nach milden Wintern sind die Wildgänse aus ihren Winterlagern zurück gekehrt, und abends sind die Paarungsrufe der Grasfrösche zu hören. Männer und Frauen vereinen sich im Reigen, bis im trüben November-Licht die Frauen im Kindbett die Frucht der Liebe in ihren Armen wiegen. So verging Jahreskreis um Jahreskreis. Umschlungen hielt er wie seit Urzeiten die Weiber der Korbflechter, der Fischer, der Handwerker und der Bauern.

 

Da war die Frau des Schankwirts. Sie kochte Sud aus Tollkirschen, rührte daraus dunkle Salben und strich sie auf ihren schmerzenden Leib. Die Wunden ihrer Kinder, die sich gerne auf Bäumen, unter Sträuchern und auf Schobern herum trieben, heilte sie mit Salben mit Holunder-Öl. „Odermennig,“ so sprach sie zur Frau des Bauern, „heilt Schläge und zerschlagene Glieder mit dem Saft darauf gestrichen.“ Wie die Bäuerin, so hatte auch sie, die Frau des Weintrinkers schwer unter ihrem Joch zu tragen.  Da stand sie am Wegesrand. Es war schon Juni geworden, und sie sah der Bäuerin zu, wie sie zart mit ihrer zerschundenen Hand über die weißen Blütendolden der Düllwurtel strich, die Hundisblume Aethusa. Die Frauen zuckten zusammen, vor der Stimme es Bauern, die hart an ihr Ohr drang: „Sieh nur, die faule Grete.“ Die Bauersfrau wischte mit ihren Händen über ihren Bauch, griff nach den Milchkannen und ging zum Stall. Der Blick der Frau des Weintrinkers haftete an ihr. Sie strich sich übers Haar und ging in ihr Haus. Dort nähte sie aus feinem Nessel kleine Säcke. Dann nahm sie den Korb und strich mit der Hand die kleinen weißen Blüten der Düllwurtel von den Dolden. Als der Korb voll war, füllte sie die Blüten in die Säcke und hängte sie zum Trocknen auf. Es war der Sommer, in dem die Frau des Weintrinkers und die Frau des Bauern viele Düllwurtel-Blüten ernteten. Die getrockneten Blüten versteckten die Frauen auf dem Speicher bis der Winter vorüber war.

 

Als die ersten hellen Februar-Tage zu Ende gingen, saß die Frau des Korbflechters am Tisch in der Mitte des Raums, in dem auch der Herd steht. Es war der Tag vor Neumond. In ihren Händen hielt die Frau eine große Tasse Tee. Bedächtig schluckte sie mit großen Schlucken. Da schlug der Korbflechter ihr die Tasse aus der Hand und rief: „Weib, mein geliebtes Weib! Was trinkst du für ein bitteres Gebräu? Selbst mit Honig mag es nicht süß werden.“ In seinen Augen glänzte Angst, und so sprach er weiter: „Die Frucht unserer Liebe wollen wir an unser Herz drücken. Und dich, mein Weib, will ich halten, bis unsre Jahre viele geworden sind.“ Seine Frau leckte eine Träne von ihren Lippen, und sie sprach mit tonloser Stimme: „Nicht die Frucht unserer Liebe, mein Mann. Es ist das Blut, das mich schmerzt, weil es in meinem Leib fest steckt, und das nicht fließen will.“ Der große Mann setzte sich ermattet zu seiner Frau an den Tisch. Er schwieg ob ihrer Worte. Er nahm ihre Hand und sein Blick glitt starr aus dem kleinen Fenster, über die Felder und Wiesen, ganz weit weg. In den fünf Tagen vor Vollmond und in den fünf Tagen nach Vollmond aber schlief er auf der Bank neben dem Herd in der Küche. So verging Vollmond um Vollmond, Neumond um Neumond. In das Haus des Korbflechters schien die Sonne, doch es war bedeckt von Armut. Da sprach die Frau zu ihrem Mann: „Sieh, da habe ich kleine irdene Töpfe gebrannt. Sie sind gefüllt mit Quittengelee und mit in Honig eingelegten Früchten. Gib mir die fünf besten Körbe. Ich will sie mit den Früchten und mit ein paar Töpfen voll Gelee in der Marktscheune feilbieten, damit wir Schuhe kaufen können.“ Der Korbflechter gab, worum sein Weib ihn gebeten hat, und er legte seinen Arm um seine schmale Frau, und die Sonne schien in ihr Fenster.

 

Da war auch die Frau des Schmieds. Sie nahm drei schwere Pfannen, die ihr Mann gegossen hat, und legte sie in die sauber gescheuerte Holztruhe. Oben drauf legte sie die bestickten Leinentücher und die bunten Bänder, die sie geflochten hat. Der Fischer verkaufte seine Fische auf dem Markt und seine Frau trug die Wollkappen, Stulpen und Gugel, die sie gefilzt hat, zur Marktscheune. Und die Bäuerin brachte duftende Brote, die sie mit frischen Kräutern gebacken hat. Die Frau des Weintrinkers aber hatte nichts zu verkaufen. Da nahm sie ihr Tamburin und sang so wunderschön, dass die Kaufleute Münzen auf ihren Holzteller legten. Und es schien so, als hat das Schicksal es gut gemeint mit den Menschen, auch wenn das Joch hier schwer, da leichter auf ihren Schultern lag.

 

Dann kam der Winter, in dem die Frauen irdene Töpfe und allerhand Steinzeug brannten, wollene Kappen, Stulpen, Gugel, Decken und Umhänge filzten, Früchtebrot, Honigbrot und Lebkuchen buken, leinene Tücher und Decken bestickten, Wolle färbten und filzten oder zu Tuch webten, in dem sie Kerzen drehten und lederne Beutel nähten.  Und als das Jahr wieder heller wurde, und als der Winter seinen kalten Griff löste und die ersten alten Schneerosen blühen, tanzten die Menschen im Reigen. Und die Frauen gingen mit ihren Waren zur Marktscheune. Die Frau des Weintrinkers hatte lederne Sandalen genäht. Und Land und Leute lebten auf in der warmen Frühlingssonne.

 

Da sprach der Weintrinker zum Korbflechter: „Mein Weib singt für die Kaufleute mit dem Tamburin. Meine Truhe hat sie gefüllt. Und vom Schmied hat sie ein Schloss gekauft, und das hat sie vor die Truhe gehängt. Nun sieh. Sie hat Leder gekauft und Sandalen genäht. Und die Truhe hat sie vor mir versteckt. Ein schweres Los habe ich mit ihr.“ Da grinste der Bauer und rief: „Das Gebräu, das die Weiber zu Neumond trinken, macht schlank.“ Und der Weintrinker murmelte: „Solange sie mir nicht auch noch meinen Wein stiehlt, soll es mir gleich sein, welch Gebräu sie trinkt.“ Der Korbflechter aber blickte auf seine Füße und sprach mit Stolz gefüllter Brust: „Gott lobe mir mein tüchtiges Weib. Wir haben Schuhe aus Leder an unseren Füßen.“ Der Bauer gedachte der mit allerlei Dingen gefüllten Truhe seines Weibes und ging seines Weges. Auf seinem Hof packte er sein Weib am Arm und befahl: „Den Weizen wirst du mir liegen lassen. Ich will ihn in der Mühle verkaufen. Sollen die Kaufleute doch Kies fressen. Da griff sein Weib sich an den Arm. Der schmerzte. Sie nahm die Flasche mit dem Saft von Odermenning vom Brett und strich sich ein paar Tropfen davon auf ihren Nacken, der schmerzte. Sie blickte auf die vollen Milchkannen und sie nahm Lab und machte Käse. Mit dem Käse floh sie zur Marktscheune.

 

Der Bauer blickte mit Wut hinter ihr her, wie sie erhobenen Hauptes zur Scheune eilte. Da spannte er einen Ochsen vor den Wagen, lud die Truhe darauf, ein paar Dinge. Dann nahm er das Kind und brachte es eine ganze Tagesfahrt weit zu seinem Bruder und seiner Frau. „Dieses Weib werde ich nieder drücken“, sprach er. Und er erzählte seinem Bruder von den Weibern, von dem Neumond-Tee und von der Marktscheune. Der Bruder nickte, und nahm das Kind. Der Bauer aber ging zum nahen Viehmarkt und schloss über seinen Ochsen einen guten Handel ab. Er kaufte sich einen neuen Mantel und ging zum Fürst. Als er mit dem Fürst in der Kutsche auf den Hof zurück kam, eilte ihm sein Weib entgegen. Bevor seine Frau nach dem Kind fragen konnte, begann er seinen Bericht: „Hier bin ich Herr über zwei Morgen gutes Ackerland. Einen Morgen wird der Fürst kaufen. In der Heimat meines Bruders werde ich von dem Geld drei Morgen Wiesen kaufen, und darauf werde ich Rinder und Mutterkühe haben. Die besten jungen Ochsen werde ich auf dem Viehmarkt vor der Stadt verkaufen, denn mein Handel war gut.“ Sodann befahl er: „Weib, den Knaben lasse ich bei meiner Schwägerin. Du wirst mir folgen. Deine Flausen aber werde ich dir austreiben.“ Da schrie sein Weib: „Was habe ich getan? Bringe mir das Kind! Was habe ich getan?“ Der Bauer aber sah einen kleinen Krug mit Münzen. Da nahm er die Milchkuh, den Käse und das Geld an sich, drehte sich um und ging. Die Bäuerin schlug sich vor die Brust. Dann ging sie in ihre Kammer, und sie weinte drei Tage lang.

 

Der Weintrinker aber, der das sah, putzte seine Pfeife und wartete, bis sein Weib mit den genähten Sandalen zur Marktscheune gegangen war. Dann stahl er die Truhe, an die sie das Schloss gehängt hatte. Er versprach seiner Tochter: „Ich kaufe dir ein kleines Esels-Fohlen. Wenn du es schön versorgst, kannst du bald darauf reiten. Lass uns dein Bündel packen, und dann fahren wir über die Landstraßen zur guten Großmutter. Wenn deine Mutter davon erfährt, wird sie kommen. Und die Oma wird voll Freude sein. Sie hat eine große Schank-Wirtschaft. Die ist schon alt. Wir werden sie fein machen, und dann werden du und ich die vornehmste Schenke im ganzen Land haben.“ Die Tochter sprang vergnügt zum Vater auf den Wagen, und los ging die aufregende Fahrt.

 

In der Marktscheune verkauften die Frauen ihre Waren. Die Frau des Korbflechters brachte ihrem Mann ein neues Hemd mit, und die Frau des Schmieds eine neue Schürze. Die Frau des Weintrinkers aber freute sich über wunderschöne rote Ledersandalen für das Töchterlein. In ihren Gedanken konnte sie schon die leuchtenden Augen des Kindes sehen, und sie konnte sein Lachen schon hören. Und für den Wohnraum, in dem der Herd stand, hatte sie neue Gardinen gekauft. Einen Tropfen Wehmut aber lag den Frauen auf der Seele, ob dem traurigen Los der Bäuerin. Doch das Töchterlein lief ihr nicht, wie sonst immer, entgegen. Sie wollte auch nicht antworten, als die Mutter nach ihr rief. Da lag die kleine Schiefertafel auf dem Tisch. Der Mann hatte darauf gekritzelt: Wir bleiben bei der alten Großmutter.

Das war der Tag des Nebels. Und kein Sturmwind, und keine Sonne vermochte ihn zu vertreiben. Die Bäuerin kroch aus ihrem Haus und sie schor die Schafe, die ihr noch geblieben waren. Sie sponn Wolle und webte. So schlug sie sich durch. Und sie bemerkte nicht, wie die Tage vergingen. Tag oder Nacht, es schien ihr beinahe gleich. Der Bauer, der von ihren wollenen Tüchern hörte aber sprach zum Fürst: „Die Schafe sind die meinigen. Den Erlös der Tücher wirst du mir bringen.“ Der Fürst tat, wie der Bauer sprach.

In diesen Tagen spannte der Schmied eine kleine Kutsche ein, und brachte die Frau des Weintrinkers zu ihrer alten Schwiegermutter und zu ihrem Kind. Dann kehrte er wütend zurück, weil der Weintrinker seinem Weib so übel mit gespielt hatte.

Die Frauen gaben der Bäuerin ein Almosen, damit sie sich sättigen möge. „Eine Mutter muss stark sein. Wer zu Kreuze kriecht, kann sein Joch nicht tragen. Der wird daran zerbrechen.“ So sprach die Bäuerin stolz. Sie rief sich die Worte der Frau des Weintrinkers ins Gedächtnis. So ging sie an den Wegrändern entlang und streifte die kleinen weißen Blüten von den Dolden der Düllwurtel ab. So füllten sich ihre Körbe. Sie ging in das Haus des Weintrinkers, holte die Nesselsäcke und füllte sie mit den Blüten. Diese hängte sie zum Trocken überall in ihrem Haus auf. Erst füllte sie die kleinen Nesselsäcke mit Blüten, danach füllte sie ihren kleinen Beutel mit ein paar Hellern. „Nun,“ so dachte sie, „werde ich mein eigenes Brot essen.“

 

Das sah der Fürst, der vor der Neumondnacht auf seinem Rappen über die Felder ritt. Der Bauer seufzte, als er seinen Bericht hörte. Da sprach der Fürst: „Sie ist die Deine. Der Erlös aus den getrockneten Blüten gehört dir.“ Das gefiel dem Bauern und er schickte den Fürst zu seiner Frau, um ihr die Mittel zum Leben zu nehmen. So erging es der Frau des Bauern. Die Frau des Weintrinkers kniete in der Asche. Sie wusch ihrer Schwiegermutter die Füße. Sie kochte, wusch und brachte die Eimer aus dem Haus. Das Töchterlein saß vergnügt auf dem Tisch, baumelte mit den Beinen, die roten Sandalen an den Füßen. Sie blickte nieder, auf den gebeugten Rücken ihrer Mutter und aß Honigkuchen. Der Weintrinker saß schief auf seinem Stuhl am Tisch und brüllte, wenn sie ihm nicht rechtzeitig die Speisen brachte. Die Großmutter aber nahm die kleine Glocke vom Nachttisch und klingelte, wenn ihr nach der Magd verlangte. Und als das kleine Esels-Fohlen i-a  rief, hopste sie glucksend vom Tisch, stieß dabei den Eimer um, und rannte ohne sich herum zu drehen in den Garten. „Mutter, bringe mir die Mohrrüben für den Esel“, rief sie, und der Mutter blieb nichts andres übrig, als zu gehorchen. Thronte doch der Weintrinker schief auf seinem Stuhl sitzend und über das Wohl des Töchterchens wachend am Tisch.

Als der Fürst den Erlös aus dem Blütentee geholt hatte, fluchte die Frau des Bauern dem Fürst und ihrem Manne. Dann holte sie einen alten Reisigbesen und fegte die Samenkörner der Düllwurtel, die vor ihrer Tür zwischen die groben Feldsteine gefallen waren zusammen. Dann streute sie die Körner auf die Wiese des Fürsten. Bald konnte sie nachts, heimlich wie ein Dieb, die neuen Blüten ernten, bis ihre Körbe gefüllt waren. Die übrigen Hundisblumen Aethusa blieben auf der Wiese stehen. Ihre gefüllten Nesselsäcke hatte sie im Haus des Weintrinkers versteckt, wo sie zum Trocknen hingen. Am Sonntag brachte der Stallmeister des Fürsten die Reitpferde zum Weiden auf die Wiese. Die Bäuerin kehrte mit ihrem Reisigbesen vor ihrem Haus die Stufen blank. Sie kehrte den ganzen Tag lang, und immer wieder wanderte ihr Blick heimlich zu den edlen Pferden, die nun schon mit aufgeblähten Mägen auf der Wiese standen, ob der vielen Düllwurtel. Noch vor dem ersten Hahnenschrei waren sie verendet. Als die Sonne unterging, kamen die Knechte des Fürsten, die Kadaver zu holen. Und die Bäuerin kehrte die Stufen vor ihrem Haus mit dem Reisigbesen, und sie wurde dessen nicht müde.

Als sie am nächsten Morgen vor ihr Haus trat, war es so, als ob der Himmel aufriss. Da standen auf dem steinigen Boden zwanzigtausend wilde Orchideen. Ein Meer aus weißen und lila Blüten. Und als sie näher darauf zu ging, sah sie, dass ihre Stiele lang und gerade und stark waren, und ihre Wurzeln sahen aus wie Reisigbesen.

 

Schließlich verstarb die alte Mutter des Weintrinkers. Er nahm sein Erbe in Besitz. Das Töchterlein indes wuchs sehr schnell zu einer schönen jungen Frau heran. Noch in ihrer Hochzeitsnacht warf der Weintrinker sein bucklig gewordenes Weib aus dem Haus. Die Tochter aber, deren Auge keine Tränen gesehen hat, und auch keine wilden Orchideen mit geraden, starken Stielen und keine Hundisblumen Aethusa, ward bald guter Hoffnung. Und als die Novembertage grau wurden, kam die Zeit, da sie gebären sollte. So verging Jahreskreis um Jahreskreis. Umschlungen hielt er wie seit Urzeiten die Frauen. Und die Bäuerin kehrt noch immer die Stufen vor ihrem Haus mit dem Reisigbesen. Und in ihrem Garten vor dem Haus blühen zwanzigtausend wilde Orchideen mit großen, geraden, starken Stielen und mit Wurzeln wie Reisigbesen.

 

Das war das Märchen von der Emanzipation und von der Faulen Grete (lat.: Aethusa cynapium, umgangssprachlich auch: Düllwurtel, Hundisblume, Hundspetersilie… giftig, im Mittelalter auch als Heilpflanze verwandt.)

© b-naporra.de, frei-nur-für-private-Zwecke

 

 

Briefmarken, moderne Märchen und andere Motive:
alle

 

 

 

 

Nach oben