Eventus ist müde

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Märchen über das Schicksal - Eventus ist müde

 

 

 

 

Ein kurzes Märchen über das Schicksal, das seines Amtes müde ist:



 

5. Eventus ist müde

Ein alter Mann sitzt in einem Restaurant irgendwo in Südost-Europa oder im mittleren Osten. Es ist früh am Abend. Die Sonne steht noch hoch am Himmel. Die Tische stehen draußen auf einer Veranda, und ein leichter Wind weht angenehm vom Landesinneren kommend. Unter der Veranda erstreckt sich ein kleines Tal mit kleinen Bäumen auf einer mageren Wiese die einer Steppe gleicht. Die Veranda ist von einer niedrigen Mauer aus weißem Kalkstein eingezäunt. Hier und da steht ein großer Topf mit einem Oleander vor der kleinen Mauer, und dazwischen stehen Blumentöpfe mit Geranien auf der Mauer. Die Menschen unterhalten sich an ihren Tischen. Sie trinken leichten Wein zum Essen. Alle sind entspannt.

Plötzlich reißt eine panisch flüsternde männliche Stimme ein Loch die angenehme Atmosphäre an diesem Abend: „Tzzzz…..  Da ist eine Viper.“ Alle erstarren vor Schreck. Sekunden der Stille. Die Gedanken suchen in dem was die Menschen gelernt und gelesen haben, was sie erlebt haben und in dem was sie sich vorstellen können. Eine Viper schnappt nur zu, wenn sich etwas bewegt oder Geräusche macht. Die verängstigte Schlange schlängelt sich. Alle Augen sind auf sie gerichtet, höchste Anspannung. Frauen klettern Schnecken-langsam auf Stühle. Männer heben ihre erstarrten Kinder hoch und stellen sie auf Tische. Ein alter Mann steht mit seiner Frau Hand in Hand auf der kleinen Mauer aus Kalkstein, zwischen den Geranien-Töpfen. Um die Giftschlange abzulenken, rasseln andere Frauen todesmutig mit dem Schlüsselbund. Der Kellner versucht, die Viper mit den Lichtspiegelungen seines silbernen Tabletts an der Hauswand abzulenken. Die Menschen verständigen sich mit der Kraft ihrer Gedanken. Das ist Magie. Vorstellungskraft. Eine Illusion. Viele Menschen, viele Gesichter, alle auf das eine und das Selbe ausgerichtet. Schicksal? Ist das ein schicksalhafter Abend? Um das Schicksal zu verstehen, müssen wir uns auf die Magie es Augenblicks einlassen. Wir lassen uns ein auf die Fantasie-Bilder die in unseren Gedanken entstehen, wenn wir der Viper folgen.

 

Die Geschichte ist ein Märchen von der Wahrheit. Eventus, das Schicksal sprach zu Gott: Ich bin es leid, meines Amtes zu wirken. Die Menschen lieben es, getäuscht zu werden. Sie sehen so glücklich aus, wenn sie ihn ihren Illusionen schwelgen. Sie sind so sicher. Alles gelingt. Alles bleibt gut. Sie lieben die Täuschung. Doch sie wollen es nicht zugeben. Sie leben glücklich mit ihrer Täuschung, und sie sagen: Das ist die Wahrheit. Sie sagen, ich bin ein ehrlicher Mensch, und ich will nur Gutes.

 Sie sagen zu ihren Söhnen und Töchtern: „Nicht alles was wahr ist, müssen wir sagen, aber alles was wir sagen, muss wahr sein.“ Das steht so im Poesie-Album. Das haben uns unsere Großeltern in unserer Jugend hinein geschrieben, und wir haben es mit nostalgischen kleinen Bildern verziert, die Mutter uns geschenkt hat. Die haben wir hinein geklebt. Und wenn einem die Wahrheit widerfährt, wenn eine trügerische Hoffnung platzt wie eine Seifenblase, dann sagen die Menschen: Ich bin enttäuscht. Dann sagen sie die Wahrheit. Ich bin enttäuscht, heißt: Meine Täuschung ist geplatzt.

„Sei wie das Veilchen im Mose, bescheiden und rein, nicht wie die stolze Rose, die stets bewundert will sein.“ Ich sah eine Frau in ihrem Zimmer sitzen, und in ihren Gedanken hatte sie das Poesie-Album aus den glücklichen Tagen ihrer Jugendzeit auf den Knien liegen. Das hat mein Opa mir geschrieben, dachte sie. Er ist schon lange tot. Ich glaube, er wäre bitter enttäuscht.

Ich würde ihm nur ganz vorsichtige Andeutungen machen. Sicher würde er verstehen, und er würde mich ansehen und sagen: Das kommt vor. So ist das Leben. Die Frau mit den blauen Augen, selbst schon im Herbst ihres Lebens angekommen, sah aus dem Fenster und dachte bei sich: Solche Dinge sagen die Alten und Weisen dann. Davon geht die Welt nicht unter, wenn ein Stern vom Himmel fällt. Das sagen die Guten, und das sagen auch die Bösen.

Und das Schicksal sagte zu Gott: Es gibt unter der Sonne böse Menschen, die erkennen, es ist ihr Schicksal, dass ihnen stets die Wahrheit widerfährt. Sie lächeln und sie sagen: So ist das Leben. Sie zucken mit den Schultern, sie lachen dir ins Gesicht, und sie gehen weiter. Die Leute lieben diese Menschen. Sie lieben ihr Lachen und sie lieben es, wie sie mit den Schultern zucken, und nur der ihnen Vertraute sieht ein kleines Hadern und ein kleines Klagen, das selten über ihre Lippen kommt. Die Vertrauten beobachten die Leute mit Sorge, die mit gesenktem Kopf lachen. Die Vertrauten sind es, die das Geheimnis kennen. Und ein Kind würde nun fragen: „Aber warum sagst du, dass die Leute böse sind, die nicht klagen?“ Nun, sie waren nicht immer böse.

Sie sind nur der Wahrheit müde. Manchmal legt sich einer schlafen. Die Vertrauen fürchten diesen Schlummer, aus dem keiner mehr erwacht ist. „Wer schläft, sündigt nicht,“ so sagen die Menschen. Das sagen die guten Menschen, und die bösen.

Wer der Wahrheit müde ist und nicht einschläft, der bettet vorsichtig sein Herz in ein Bett aus weicher duftender Watte. Darüber legt er eine Haut aus weißem, hartem Zuckerguss. Und drum herum zieht er einen Graben an dessen Ufer duftende Blumen wachsen, die sich an einem Lächeln empor ranken wie an einem Sonnenstrahl, wie an einem Seil das vom Gärtner gebunden wurde. So sieht man den Graben nicht.  So verbirgt er schützend das Herz, das die Wahrheit zur Gefährtin hat, und nicht die Täuschung, nicht die Illusion die wahr wurde.

Die Wahrheit, das kann eine Tochter sein, die ihre Mutter verlassen hat, in jungen Jahren. Die Wahrheit sitzt am Soldatengrab des Sohnes. Die Wahrheit, das kann ein Färber sein, der sein Leben lang hinter dem Fürstenmäntelchen hinterher läuft, das ihm versprochen ist, und der darüber in seinem Herzen bitter wird, so dass er sein Weib fortjagt, das ihn geliebt hat. Die Wahrheit kann der Blick auf ein vergilbtes Klassenfoto sein, oder die Bilder aus einer verlorenen Heimat die für immer in unsrem Herzen sind. Die Wahrheit, das können viele Dinge sein. Manch Böser sagt: Auch ich liebe die Täuschung, doch mir widerfährt stets die Wahrheit. Also rede ich weich und süß wie die duftende Watte in die ich mein Herz gebettet habe, um zu täuschen den Fremden, der wiederkommt um mir die Wahrheit zu bringen, die schon lange meine treue Gefährtin ist.

 

Der Fremde, das mag ein großer kluger Mann aus einem unbekannten Land sein, der Worte schenkt, die Illusionen gebären. Worte können den Graben nicht überwinden, und so platzen Illusionen. Hoffnung überwindet den Graben, ein Fremder der sagt: „Mein Gewissen lässt mich Gutes hoffen. Möge das Schicksal Gutes für uns bereit halten.“ Seine Worte duften nach Anis und nach Rosen. Da ist der Fremde, der Illusionen schenkt und der sie pflegt mit seinen Worten, so dass er sagt: Lass uns einander Worte schenken, denn meine eigene Illusion sollst du nähren, mit der heilenden Kraft deiner Liebe die du mir in deinen Worten schenken sollst. Lass uns einander Worte schenken. So spricht ein Böser der denkt, er ist ein Guter. Er ist so müde doch er will nicht aufhören, Gutes zu tun. So er will genesen sein dank der heilenden Kraft der Liebe, die ihm in Worten geschenkt wird, bis die Illusion platzt. So wird er gefräßig, und er kommt wieder. Dann hat er seine Worte in den Duft von Rosen und Anis gehüllt und sogar einen kleinen Myrtenzweig daran gebunden, mit seinen Worten, die er dem Bösen schenkte, der sein Herz in Watte gebettet hat.

Denn er hielt den Bösen für einen Guten, ob der duftenden Zucker-Watte. Und so wurde ihm gesagt: Du baust mir ein Schloss aus Luft. Deine Worte sind nur Schall und Rauch. Sie kränken mich. Sie duften nach Rosen, doch sie sind geschrieben von der Hand einer Krähe. Von einer Raben-Krähe sagt man, sie liebt das Funkeln und Glitzern, und daher stiehlt sie Silber und Geschmeide, um es in ihr Nest zu bringen, wo ihre Jungen sind und mit offenem Mund auf sie warten. So mögest du, der mit der Hand einer Krähe schreibt, dich erfreuen an den milden Früchten, die du in seinem eigenen Garten gezogen hast, in dem Garten, den du in den Tagen deiner Jugend angelegt hast, die noch keine Einsamkeit kannten. Denn zu diesem Garten zieht es dich hin, zu diesem Garten, dessen Bäume längst groß und prächtig sind, und selbst Früchte tragen. Das ist die Wahrheit. Und auch das ist Wahrheit: Verschlucken wirst du dich an deinen Worten.

Mögen einige deiner Worte nicht vergessen werden und deinem Fürsten zu Gehör kommen. Dann sollen die Vertrauten und die kleinen Leute frohlocken, ob der Früchte die deine Worte bringen mögen mit den meinen Worten und mit den Worten meiner Vertrauten. Mögen meine Vertrauen und meine Nachbarn in Frieden leben, unter dem Himmel ihrer Heimat, der nichts anderes kennt als die Wolken und die Sonne Gottes. Mögen die Kraniche und die Störche allezeit fliegen, die uns so vertraut sind, und mögen sich all die lieben Leute daran erfreuen, die Gast in unseren kleinen Häusern sind. Und mögen die Wölfe heulen, die sich in den Wäldern meiner Heimat ansiedeln. Und so Gott will, mögen die Wölfe auch mit den Kranichen fliegen.

Und das Herz deines Fürsten möge sich erfreuen an den Seen und Söllen zwischen den Wäldern meiner Heimat. Und dein Fürst möge ein neues Lied singen, dessen Klang nicht verklingt, über der Weite endloser Felder entlang der großen Straßen und der Ozeane. Und ich will dem Klang der Harfe seines neuen Liedes lauschen und schweigen. Und das Schicksal möge ihm wohl gesonnen sein.

 

Da seufzte Gott wegen der vielen Wünsche, wegen der vielen geplatzten Träume und Visionen. Und er seufzte wegen der vielen Illusionen. Das sind geplatzte Träume.

Gott sagte, Visionen sind gut. Illusionen aber sind Gewächse, die von Denen die weder Dankbarkeit noch Mitgefühl kennen in die Herzen der Menschen gesät werden, die ihren Nächsten lieben. Die Undankbaren saugen sich voll. Sie sind unersättlich. Du aber, liebes Schicksal, wende Unterscheidungsvermögen an. Bedenke: Nicht jeder, der sein Herz in Zucker-Watte bettet, ist ein Undankbarer oder ein Böser. Auch ein Christ darf sein Herz in Zucker-Watte betten um sich vor der Gefräßigkeit des Undankbaren zu schützen. Und bei allem, was er tut, soll er nach mir rufen und mich suchen. Denn der Mensch irrt oft, so wie der Wanderer der im Wald steht und nichts anderes sieht als Bäume, und der keinen Kompass hat. Und ich blicke oben vom Himmel herab und sehe wo sich das von ihm begehrte aufhält, und ich kenne den Weg.

 

Gott legte dem Schicksal seine Hand auf die Schulter und sagte: Noch eine Weile werde ich es zulassen, dass du deines Amtes walten musst, dessen du müde bist. Lass dich trösten, denn du bist nicht wegen deines Amtes müde, du bist müde wegen der schlimmen Dinge, die ich noch zulasse und wegen Derer die weder Dankbarkeit noch Mitgefühl kennen. Doch der Tag wird kommen, da wirst du in ein neues Amt eingesetzt. Du wirst dem Glaube und der Freude zur Hand gehen, denn die werden viel zu tun haben.

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