Die Wolkenfrau

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Märchen - Die Wolkenfrau

 

 

 

 

Ein kurzes Märchen:



 

2. Die Wolkenfrau

 

Bist du aus Elfenbein oder aus altem Holz geschnitzt? Bist du Gusseisen oder aus Porzellan, oder aus Glas? Bist du aus Zucker? Das Leben hat viele Metaphern. Metaphern sind wunderschöne Gefäße in denen der irdene Mensch die Resümees seiner Erfahrungen aufbewahrt.

Ihr Summen erfüllt den kleinen Raum, dessen Decke ist mit weißer Kalkfarbe gestrichen ist. Die Wände sind verkleidet mit blauen Delfter Kacheln. Sie sind beschlagen von dem duftenden Dampf der aus der geschwungenen, mit weißem Email überzogenen Eisenwanne empor steigt, die in seiner Mitte steht. Die Frau im Bade trug nur ein Hemd aus dünnem grob gewebtem Nesselstoff. Aus ihrer Hand glitt eine Orchidee ins Wasser. Sie knotete das lederne Band auf, das ihr Haar gehalten hat, und warf es zu der Orchidee ins Wasser. Sie ging sie in ihre Küche und holte eine halbe Vanilleschote und ein Bündel aus dem Schweif ihres geliebten Moschusochsen aus der großen Truhe aus Zedernholz, die neben der Tür zur Küche stand. Dann ging sie zurück ins Bad und setzte sie sich auf den Rand ihrer Wanne, um ihre Füße mit Öl einzureiben, bevor sie sich mit dem kleinen Bündel Moschus und dem süßen Duft von Vanille langsam in ihr Bad nieder lies, in dem Orchidee und Leder ihren Duft bereits ausgebreitet hatten.

 

Auf dem Waschtisch am anderen Ende des kleinen Raums stand ein geschliffener Flakon. Es ist ein Geschenk ihrer Schwester, gefüllt mit einem Parfum das sie selbst gemischt hat, aus sieben Düften in zehn Teilen, gelöst in Weingeist mit ein paar Tropfen destilliertem Wasser und zwei Tröpfchen Öl. Als sie so im Bade saß, war sie in Gedanken ganz bei ihrer geliebten Schwester. Gott hatte ihr Vanille gegeben. Gott gab ihr Zedernholz. Gott lässt Orchideen blühen. Gott gab ihr Fantasie und Geschick. Sie hat die Tropfen Vanille-Öl, Zedernholzöl und Mandarinenöl alle gezählt.  So hat sie eine Million Tropfen, eine Anzahl von jedem Duft, einen zum andren gefügt. Und mit dem was Gott ihr gab hat sie ein Parfum kreiert. Es gehört ihr. Es ist ihr Rezept, das sie auf eine kleine Tafel aus Ton geschrieben hat. Es trägt ihren Namen. Ein Duft, ein Flakon der Erinnerungen, das ist alles was der badenden Frau von ihrer Schwester geblieben war. Der Duft von Mandarinen, Zedernholz, Vanille, Leder und Orchideen, das ist der magische Flakon, in dem sie die Erinnerung an ihre geliebte Schwester aufbewahrt.

 

Sie lehnte ihren Kopf an das vom Dampf feuchte Email, und das duftende warme Wasser bedeckte ihren Körper. Ihre Gedanken zogen vorüber wie Nebelwolken. Sie schloss die Augen. Wie im Traum sah sie die Bilder ihrer Gedanken.

In einer Wolke sah sie ihre Schwester, einer Engelsgestalt gleich, vom Himmel herab steigen. Sie stieg herab über die Berge und ging entlang der kleinen Gebirgsbäche. Auf einer lichten Anhöhe sah die Frau aus den Wolken ihn, den edlen Mann den sie einst geliebt hat. Sein Haar war grau geworden, doch sein Gang war gerade und aufrecht. An seiner Hand führte der das junge Fohlen, das längst zu einer prächtigen weißen Stute mit einer blonden langen Mähne heran gewachsen war. Er erkannte sie von weitem, durch die Wolken hindurch, einer Engelsgestalt gleich.

Als sie näher kam, lachte ihr Herz. Sie sah sie dass ihr Fohlen eine wunderschöne Stute geworden war. Sie sagte zu ihm: Du hast wohl getan. So kommt es, dass dein Haar grau ist, doch dein Gang, der ist aufrecht und gerade. Sie waren beide vergnügt.

Da urinierte das Fohlen in den Garten. Der mit dem Urin benetzte Strauch unter ihr atmete tief ein und er wurde dicht und breit. An seinen Zweigen wuchsen keine Früchte mehr, sondern lange gekrümmte Dornen, zwischen denen die kleinen Vögel Schutz fanden vor den großen Raubvögeln. Die Wolkenfrau griff nach der goldenen Trense und führte das Fohlen am Gebirgsbach entlang ins Tal herunter. Er, der dies sah, folgte dem Fohlen, und sein Blick hielt unentwegt Ausschau nach einer grünen Aue, auf der sein Fohlen weiden möge. Da sah er eine große Wiese die über und über bewachsen war mit köstlichen Heidelbeeren. Die Wolkenfrau sah seine Gedanken, und sie sagte: Damit bin ich einverstanden. Er fühlte ihr Lächeln, und seine Brust schwoll an und füllte sich mit der erquickenden frischen Luft die der Wind vom Norden her zu ihm herüber getragen hat, von den Schnee bedeckten Bergen am Rande der Gletscher.

Sein Sinn war froh, und er folgte der jungen Stute, die geführt wurde an der Hand der Wolkenfrau. Als es schon Nacht wurde, erreichte er mit seinem Fohlen die große Wiese mit den Heidelbeeren. Und er gedachte seines Gartens nicht mehr, in dem einst köstliche Früchte gediehen. Das Fohlen, welches die ganze Zeit über brav seiner Herrin gefolgt war, urinierte auf die Wiese.

Die Heidelbeeren verschwanden. Sein Blick wurde hart gegen das Fohlen.

Da setzte die Wolkenfrau sich auf ihr Fohlen und ritt mit ihm über die Wiese, am nahen Waldrand entlang und sein Blick wurde wieder sanft.

 

Er erfreute sich am Klang ihres Lachens. Der Blick des Fohlens glitt herüber zu der großen Wiese jenseits des Flusses am Fuße des Berges, auf der einmal im Jahr die Wildpferde vorüber zogen. Da streichelte die Wolkenfrau die Mähne ihres Fohlens und ritt zurück zu Ihm, den sie einst geliebt hat. Und er streichelte sanft über die blonde Mähne des Fohlens. Und er freute sich in seinem Herzen. Immer wenn der Tag sich dem Abend neigte, ritt die Wolkenfrau aus, auf ihrem weißen Fohlen, und sein Blick folgte der Frau und er ließ nicht ab von ihr. Sobald der erste Sonnenstrahl des Morgens kam, ritt sie auf ihrem weißen Fohlen zurück zu ihm, den sie einst geliebt hat. Und in jedem Jahr zogen die Wildpferde vorüber. Und er freute sich in seinem Herzen. Immer wenn der Tag sich dem Abend neigte, ritt die Wolkenfrau aus, auf ihrem weißen Fohlen, und sein Blick folgte der Frau und er ließ nicht ab von ihr. Sobald der erste Sonnenstrahl des Morgens kam, ritt sie auf ihrem weißen Fohlen zurück zu ihm, den sie einst geliebt hat.

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