Die Rabenmutter

Märchen-sind-Metaphern

Frauenbilder in Märchen - Mutter und Heilige oder Hure - Märchen von der Rabenmutter

 

 

 

 

Ein Märchen über Mutter und Tochter,
über die Würde der Frau und über eine Tochter, die zum Vater zog - Gender Mainstreaming in märchenhafter Prosa

 

8. Die Rabenmutter



Eine Rabenmutter wirft ihr Kind aus dem Nest. Eine Wölfin ist eine gute Mutter. Es war einmal eine Mutter, die liebte ihre Kinder sehr. Und sie liebte ihre jüngste Tochter. Sie sagte zu ihr: „Du bist ein kluges Mädchen. Du bist mein jüngstes Kind und ich bin noch nicht alt. Auch ich will fleißig sein und nochmal die Schulbank drücken. Denn bald wirst du deinen eigenen Weg gehen, und ich werde dann meinen Weg gehen. An der Hand werde ich dich nicht mehr halten. Doch ein unsichtbares Band wird uns verbinden. Wir werden einander nahe sein, auch wenn wir nicht beisammen sind. Denn du bist wie ein junger Baum, der aus meiner Wurzel gewachsen ist.“ Da rief die Tochter ihrem Vater zu: „Komm und hole mich. Ich will mit dir in die große Stadt gehen. Denn hier im Wald ist es öde. Ich sehe nur Bäume und weite Felder.“ So ging sie weg.

Und sie dachte, ihre Mutter sei der Kuckuck im Wald. Und die Wölfin zog weiter durch den Wald auf einer dunklen Straße. Die Tochter aber sprach zum Vater: „Hole mir deinen Kuckuck. Einen schönen Käfig wirst du ihm kaufen und da rein wirst du ihn setzen, damit ich ihn anschauen kann.“ Da sagte der Vater: „Warte. Und du wirst sehen: Der Kuckuck wird kommen. Wozu braucht der einen schönen Käfig? Sieh mich an. Ich brauche doch auch keinen.“ So verging die Zeit. Da kam kein Kuckuck, kein Gruß, und auch eine Wölfin nicht. Da sprach der Vater: „Wir werden in den Wald fahren, damit du den Kuckuck betrachten kannst.“ Die Tochter sagte: „Oh, wie fein. Mit den anderen Töchtern des Waldes werde ich spielen. Ihre Mutter aber hat sie nicht erkannt, nicht in der Wölfin, nicht im Kuckuck. Was hat sie erwartet? Wo für hielt sie ihre Mutter? Ein Kuckuck legt sein Ei in ein fremdes Nest. Und er erkennt seine Jungen nicht wieder. Eine Wölfin erkennt ihr Junges schon von Weitem. Die Wölfin erkannte ihr Junges. Der Vater blieb eine Weile bei der Wölfin, die ihr Junges kannte. Der Vater reckte sich und streckte die Beine aus, im Bau der Wölfin. Was hat die Tochter in ihrer Mutter gesehen? Eine Wölfin? Einen Kuckuck? Nach ein paar Tagen sprach die Tochter zum Vater: „Ich will wieder in die Stadt gehen.“ Der Vater sagte: „Ja.“ Und er sprach zur Wölfin: „Ich habe mich lange genug gereckt und gestreckt bei dir. Morgen werde ich gehen. Sie muss in die Stadt zurück.“ Die Wölfin ging ein paar Schritte rückwärts. Dann knurrte sie: „Ich bin eine Rabenmutter“, und sie warf ihr Junges aus dem Nest. Und sie warf den Erpel aus dem Nest. Was ist ein Erpel? Ich weiß, was ein Erpel nicht ist: Ein Adler.

 

Viele Jahre später sprach die Tochter zum Vater: „Ich erinnere mich an die schönen Tage meiner Kindheit. Da war ein kleines Kätzlein, von dem man sagt, es sei eine Glückskatze, mit einem dreifarbigen Fellkleid. Rot, grau und weiß. Ich hatte das Kätzchen so lieb. Es war so groß wie die Hand meiner lieben Mutter. Es ist lustig im Zimmer herum getollt, und es miaute, piep piep. So niedlich. So süß. Es hatte kleine runde Äuglein. Die waren so blau wie der See im Wald, in dem wir im Sommer badeten und an dem wir im Winter spazieren gingen.  -  Einmal, als die Tage dunkler waren, saß ich im Auto und ich wollte nicht mitgehen, als du mit meiner Mutter am See spazieren gegangen bist. Ach, wie gerne hätte ich mit meiner Mutter noch einmal reden wollen, so wie früher. Wie gerne hätte ich ihr von kleinen Dingen erzählen wollen, die mir so groß erschienen, und meine Mutter hört mir zu. Und sie sagt mir keine Dinge, die mir heute so groß erscheinen. Ich vergesse nicht den Sommer, an dem ich meine Mutter besuchte, nachdem ich sie verlassen hatte.

Denn ich hatte zu dir gesagt: „Vater, komm und hole mich. Ich will mit dir in die große Stadt gehen. Denn hier im Wald ist es öde. Ich sehe nur Bäume und weite Felder.“ So ging ich weg. Wie sehr habe ich mich danach gesehnt, der Mutter die kleinen Dinge zu erzählen, die ganz groß sind. Ich wollte mit meiner Mutter am See spazieren gehen, alleine. So wie früher. Also habe ich im Auto gesessen und gewartet. Fünf Tage lang wollte ich sie besuchen, und dies war der vierte Tag, und ich habe gewartet. Da hast du mich gefragt: „Wollen wir hier bleiben?“ Ich dachte dran, wie öde es im Wald ist. Da will ich nicht bleiben. Gerne hätte ich es der Mutter erzählen wollen. Ich wollte ihr sagen: „Ich habe dich so lieb. Ich will dich wieder besuchen, dann will ich dir erzählen von den kleinen Dingen die mir so groß sind. So wie früher. Und ich will dir sagen, wie schön die Stadt ist. Noch aber finde ich keine Worte.“ 

 

Ich war noch ein Kind das keine Zeit fand, Worte zu finden. Vier Tage lang hast du, mein Vater, viele Worte gehabt, und ich konnte keine Worte finden. Am vierten Tag habe ich dir also gesagt: „Ich kann doch nicht hier bleiben. Ich muss in der Stadt zur Schule gehen.“ Du aber hast zu meiner Mutter nur gesagt:  „Ich habe mich lange genug gereckt und gestreckt bei dir. Morgen werde ich gehen. Sie muss in die Stadt zurück.“ So vergingen die Jahre, und Worte habe ich nie gefunden, nicht finden können.“

An jenem Tag zerriss ein Mutterherz, und ein unsichtbares Band ist mit ihm zerrissen, das sie immer verbinden sollte.

Sie wollten einander nahe sein, auch wenn sie nicht beisammen sind. So sprach die Tochter zu ihrem alten Vater: „Zerrissen bin ich seit jenem Tag. Ich halte das Ende des Bandes fest in meinem Herzen, und es sticht wenn ich daran denke. Die Mutter weiß es. Und sie weiß, dass es sticht. So sprach sie eines Tages zu dir: „Mann, den Abschiedsbrief habe ich dir mit meinem Herzblut geschrieben, als du meine liebe Tochter mitgenommen hast. Doch ich konnte den Schreiber nicht bezahlen, nicht die Tinte, und so hast du den Brief nicht bekommen. Also hast du den Schlüssel zu meinem Haus behalten. Und als dir der Sinn danach stand, bist du gekommen und hast das unsichtbare Band zerrissen, das wertvolle Band, dessen Ende ich in meinem Herzen getragen habe. Es war das Band, das Mutter und Tochter miteinander verbunden hat. So kam es, dass ich deinem Drängen schon nachgeben wollte. Ich wollte deinen Brief unterschreiben, den du mit der Hand einer Krähe dahin gekritzelt hast, und dann wollte ich in die Stadt gehen und das Band wieder zusammen knoten. Aber die Tochter hatte  das andere Ende des Bandes genommen, das in ihrem Herzen stach, und sie hielt es über eine Flamme. Damit hat sie den Brief verbrannt.“ Und die Tochter sprach weiter zu ihrem alten Vater:

„Viele Jahre lang, wann immer du, mein Vater, der Wölfin gedachtest, hast du zu mir gesagt: „Sie ist nicht in die Stadt gekommen, weil du, meine Tochter, den Brief verbrannt hast.“ So habe ich für dich gekocht und gewaschen viele Jahre lang. Und ich habe gesehen, wie dein Haar grau wurde, und ich dachte, es sei die Asche von dem Brief den ich verbrannte.“

Ein Abschiedsbrief der nicht ankam, ein halbherzig dahin gekritzelter Versöhnungsbrief der verbrannte, ein Band das zerriss, das ist wie ein Zug der ins Meer gefahren ist, weil ein Narr die Weiche gestellt hat. Der Zug ist abgefahren und er kommt nicht zurück. – Da war eine verwundete Wölfin die einst geknurrt hatte: „Ich bin eine Rabenmutter“, und sie hat ihr Junges aus dem Nest heraus geworfen. Und sie hat den Erpel aus dem Nest heraus geworfen. Was ist ein Erpel? Es ist Einer der eine Weiche stellt, so dass der Zug ins Meer fährt.

Die Wölfin sprach: „Der Zug fährt ins Meer. Aber ich bin abgesprungen nach der dritten Weiche. Und ich kann in den Spiegel schauen und mir sagen: Ich habe mir nichts vorzuwerfen, zumindest nichts Unverzeihliches.“

Und der Kuckuck sprach: „Rabenmutter!“

Und der Erpel sprach: „Rabenmutter!“

Da sprach die Rabenmutter: „Ich bin eine Wölfin.“

Der alte Wolf aber, der das hörte, sprach zur Rabenmutter: „Alt bin ich und lange genug streifte ich alleine durch die Wälder. Es ist mein Glück, dass deine Worte durch den dichten Wald an mein Ohr gelangten. So will ich mich neben dir in deinem Wald nieder lassen.“ Da lächelte die Wölfin und sprach: „Auch mein Glück ist es, dass meine Worte durch den dunklen Wald an dein Ohr gelangten. Lass dich in meinem Wald nieder. Da sollst du dich in deinem eigenen Bau ausruhen.“ Also setzte sich der alte Wolf neben die Wölfin und er wich nicht von ihrer Seite.

Von diesem Tage an, so erzählten die Bauern in den Dörfern, hat man an jedem Abend vor dem dunklen Rot der untergehenden Sonne die Silhouette eines Wolfes mit seiner Wölfin am Horizont gesehen. Und am Gipfel des felsigen Berges saß der Adler der über den Wald herrschte. Er saß noch immer an seinem Platz, und er schlief.

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