Die Purpurhändlerin

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Märchen - Die Purpurhändlerin 

 

 

Ein Märchen über Mutter und Tochter.
Ein Märchen über die Sehnsucht einer
entsorgten Mutter nach Freiheit und Liebe,
ein Märchen über Einsamkeit
 

1. Die Purpurhändlerin



Sie verbrachte ihre Jugendzeit mit ihrer Mutter in einem Haus auf einer kleinen Insel, auf der die Sonne jeden Tag schien und auf der es niemals Winter wurde. Ihr liebstes Spielzeug war eine kleine Spieldose aus elfenbeinfarbenem Bisquit-Porzellan. Ihr Vater hatte sie der Mutter zum Abschied geschenkt, als sie noch ein ganz kleines Mädchen war. Er hatte ihr gesagt: „Halte dieses wertvolle Porzellan in Ehren, und pass gut darauf auf, dass es nicht zerbricht.“

Die Purpurhändlerin verlebte ihre Kindheit sehr beschützt, so beschützt, dass sie nicht einmal mit den andren Kindern spielen durfte. Ihre Mutter war ihre einzige Spielgefährtin. Sie kannten keine Not und kein Entbehren. Doch die Mutter spielte selten mit ihr, bevor sie jeden Abend in dem großen Garten spazieren ging, und in ihren Gedanken versank, wie ein leckgeschlagenes Boot, wenn es im Meer versinkt. Über ihrem Haus schwebte eine einsame Wolke aus Bitterkeit, durch die das Sonnenlicht nur selten hindurch kam.

Die Mutter nannte die Tochter „mein Prinzesschen“. Schon als Kind träumte Prinzesschen davon, die Insel zu verlassen, und wie ein Kaufmann durch das ganze Reich zu ziehen, mit kostbaren Edelsteinen, Safran und Purpur. Sie ist mit den phantasievollen Erzählungen ihrer Mutter aufgewachsen. In diesen Geschichten ging sie mit ihrer Mutter über die Märkte des Reiches, wo sie sich mit vielen Leuten aus den unterschiedlichsten Ländern unterhielten. In andren Geschichten kamen sehr viele berühmte Gäste in das große Haus, und die Mutter erging sich in ihrer Rolle als Gastgeberin. Es wurde viel erzählt, gelacht, gegessen und getanzt. In Wahrheit aber tanzte die Mutter alleine zu dem Klang ihrer eigenen Flöte vor dem Spiegel, vor den Augen der Leute verborgen, hinter dicken zugezogenen Vorhängen. So wuchs die Tochter zu einer ebenso phantasievollen, klugen, gebildeten jungen Frau heran, wie ihre Mutter, die gut lesen und schreiben konnte, was zu dieser Zeit nicht üblich war. Doch mit der Zeit wurde die schöne Tochter der Geschichten müde, die sich allmählich wie Blei auf ihre zarte Jungmädchenseele zu legen begannen.

In dieser Zeit, stahl sie ein purpurfarbenes Hemd aus der Truhe ihrer Mutter. Als die Sonne gerade untergegangen war, schlich sie sich auf das kleine Boot, das unten an der Felsenküste festgemacht war und ruderte aufs Festland. Dort ging sie ein paar Tage lang über die Landstraßen, bis sie zu einem Markt kam. Dort stellte sie sich zu einem Gewürzhändler. Der sagte: „Ach du liebe Zeit, die bringen mich ja um, wenn ich dieses Hemd verkaufe.“ Da zertrennte sie das Hemd, und er verkaufte zwei große Stücke Purpurstoff an einen fahrenden Schauspieler. Sie küsste die Hände des Gewürzhändlers und gab ihm ein paar Geldstücke. Dann stahl sie sich zurück in das Haus ihrer Mutter. Die Mutter, die ihre Geschichte für ein Märchen hielt, lachte: „Mein Kind, noch ein purpurnes Hemd kann ich dir nicht geben. Sonst kommen die Soldaten und sagen dem Hauptmann, ich hätte es verkauft. Was soll ich ihnen dann sagen, was ich mit dem Geld gemacht habe?

Da wurden die Augen der Tochter feucht, und ihre Tränen brannten der Mutter in der Seele. Da gab sie ihrem über alles geliebten Kind zwei ihrer bunten Kleider. Sie sagte: „Ich trage am liebsten mein altes braunes Leinenkleid. Wozu brauche ich die bunten Stoffe in der Truhe, wenn sie doch niemals ein Auge erblicken kann. Nimm sie dir zum Spiel. Du aber geh nicht wieder aus dem Haus. Das gehört sich nicht für eine Tochter deines Vaters.“ Die Tochter lächelte artig und sagte: „Mutter, ich hab dich lieb.“ Sie legte die Stoffe fein säuberlich aufeinander, und gedachte dieser nicht mehr.

Nach einer Woche, als die Boten des Vaters gerade gegangen waren, stöberte sie mal wieder in den Kisten und Truhen der Mutter, wie sie es immer so gerne tat. Sie wickelte sich in gestreifte und mit bunten Ornamenten bestickte Tücher, drehte und wendete sich vor dem Spiegel und wischte sich über die Augenlider. Sie streifte sich das Haar aus dem Gesicht und band es elegant auf der Seite zusammen. „Mutter,“ fragte sie, „wirst du mir diese schönen bunten Tücher schenken?“ Die Mutter, die sich über jedes Funkeln in den Augen ihrer Tochter freute, gab ihr die bunten Tücher nur zu gerne. Die Tochter legte die Tücher fein säuberlich auf die Stoffe, derer sie schon fast nicht mehr gedacht hatte.

Als die Sonne gerade untergegangen war, schlich sie sich auf das kleine Boot, das unten an der Felsenküste festgemacht war und ruderte aufs Festland. Dort ging sie ein paar Tage lang über die Landstraßen, bis sie zu einem Markt kam. Dort stellte sie sich zu einem Gewürzhändler. Der sagte: „Ach du liebe Zeit, die bringen mich ja um, wenn ich diese Kleider verkaufe.“ Da zertrennte sie die aus kostbarem Stoff gewebten Kleider je in zwei Stücke, und er verkaufte den Stoff und die Tücher an einen fahrenden Schauspieler. Sie küsste die Hände des Gewürzhändlers und gab ihm ein paar Geldstücke. Sie selbst kaufte sich eine Unze Purpur. Sie füllte das Pulver in den kleinen Flakon, den sie an einem bunten geflochtenen Band um ihren Hals trug. So kam es, dass die Tochter eine Purpurhändlerin wurde.

Doch nachts, in ihrem Bett, das einsam an einer Wand ihres großen Zimmers stand, weinte die Tochter oft, weil sie der Geschichten der Mutter müde war. Sie gedachte der Augen ihrer lachenden Mutter, in denen sie den kleinen See sah, in dem ein leckgeschlagenes Boot versank. Die Boten des Vaters aber zählten heimlich jede Träne der geliebten Tochter. Als es der Tränen zu viele waren, stellten sie sich vor den Vater und sagten: „Soll auch noch dieses unbezahlbar wertvolle kleine Boot in dem einsamen See versinken?“ Der Vater wurde ärgerlich und er schimpfte: „Soll ich sie dem erst besten Teppichhändler zur Frau geben, der an meinem Haus vorüber zieht?“ Die Boten sagten: „Oh, welch eine Vergeudung“, und sie sahen bitter aus dem Fenster des hohen Hauses über das Meer, das unten an die Klippen brandete. Der Vater gab sein geliebtes Töchterlein dem Teppichhändler zur Frau. Sie sah ihrem Mann in die Augen und ein verschmitztes Lächeln glitt über seine Lippen. Sie sagte: „Wohin du gehst, dahin will auch ich gehen“. Da gingen die Beiden Seite an Seite, Hand in Hand, und unter ihren Händen blühte der Handel von Teppich und Purpur, und der liebe Gott lächelte dazu.

Die Mutter aber weinte bittere Tränen um ihr Kind. Es war gerade Sommer geworden, als sie das Töchterlein von ihrer Brust entwöhnt hatte. Über ihrem Haus schwebte eine einsame Wolke aus Bitterkeit, durch die das Sonnenlicht nur selten hindurch kam. Nun war das Kind weg, und der Weg war plötzlich ganz breit. Breit und dunkel. Sie konnte in der Dunkelheit das Ziel nicht sehen. Doch sie setzte einen Fuß vor den anderen und sie ging. Vorwärts. Das Leben geht immer vorwärts, niemals rückwärts und nicht nach unten oder nach oben. Das Leben geht immer geradeaus, und nicht im Kreis. Und so kam es, dass es langsam wieder hell wurde. Der Sommer war vergangen. Es war ein Sommer, der kein Sommer, der doch wie ein nebeliger Herbst gewesen war. In seinen Nebelschwaden sah sie den Winter kommen. Aber statt Schnee und weißem Licht kam die Nacht. Und die Mutter zog ihre dunkle Straße. Jetzt aber leuchtete die Goldene Herbstsonne warm und weich über dem orange-roten Laub der Bäume. Auf jedem Tautropfen am Morgen glitzert ein kleiner Sonnenstrahl. Aber zwischen dem Sommer und dem Herbst lag eine dunkle Nacht. Nach der Nacht kam der goldene Herbst, und die Mutter richtete ihren Blick auf. Sie zog das bunte Band aus dem Haar, das ihre Tochter einst geflochten hat. Sie ließ es zu Boden gleiten. Sie hob es nicht auf. Sie schüttelte den Kopf und ihr Haar wog hin und her und ihr weiches Haar bedeckte ihre Schultern. In ihrem großen Haus fand sich bald kein wertvoller Jacquard-Stoff mehr. Sie sagte: „Ich will mich in dem Raum neben der Küche auf der Südseite des Hauses gemütlich einrichten, und auf den kleinen Balkon stelle ich meinen Oleander.“ Und überall dufteten reife Kastanien, Mispeln* und Hagebuttengelee. Und die Mutter betrachtete dankbar das helle Blau am Himmel, und ihre Augen wurden feucht.

Sie konnte in der Dunkelheit das Ziel nicht sehen. Doch sie setzte einen Fuß vor den anderen und sie ging. Vorwärts. Das Leben geht immer vorwärts, niemals rückwärts und nicht nach unten oder nach oben. Das Leben geht immer geradeaus, und nicht im Kreis. Und so kam es, dass es langsam wieder hell wurde, während sie so geradeaus gehend, in einem herrlichen Gedanke versank: Da leuchtete die Goldene Herbstsonne warm und weich über dem orange-roten Laub der Bäume. Auf jedem Tautropfen am Morgen glitzert ein kleiner Sonnenstrahl. Aber zwischen dem Sommer und dem Herbst lag eine dunkle Nacht. Nach der Nacht kam der goldene Herbst, und die Mutter richtete ihren Blick auf. Sie zog das bunte Band aus dem Haar, das ihre Tochter einst geflochten hat. Sie ließ es zu Boden gleiten. Sie hob es nicht auf. Sie schüttelte den Kopf hin und her und ihr weiches Haar bedeckte ihre Schultern.

 

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