Die Pastellmalerin

Märchen-sind-Metaphern

 

 

 

 

Ein Frauenmärchen

 

4. Die Pastellmalerin


So stand sie also da, auf den Gipfeln des pastellfarbenen Berges. Der war eingehüllt in süße, transparente Nebelschwaden, in denen sich einzelne Sonnenstrahlen wie ein sanftes pastellfarbenes Licht spiegelten. Sie stand da und betrachtete das Sonnenlicht, das in naher Entfernung wie ein Kegel über dem Tal und dem kleinen Wäldchen stand, und das die sanften Hügel der Landschaft in ein warmes gelb-orangefarbenes Licht tauchte. Unten, am Fuße des pastellfarbenen Berges erstreckte sich ein großes Feld mit leuchtend roten Mohnblumen bis hin zu dem kleinen Wäldchen, das im warmen Sonnenlicht vor sich hin zu träumen schien. Vor dem Mohnblumenfeld am Fuße des pastellfarbenen Berges lag ein kleiner glasklarer Bach. Das kühle Wasser ergoss sich über die grauen Granitsteine, die vom Wasser rund geschliffen waren, und die von hier oben aus beinahe weich aussahen. Das andere Ufer des kleinen Baches war über und über bedeckt von wilden Erdbeeren.

Hier gingen die Wanderer ihrer Wege, auf der Suche nach einem Hain kleiner Obstbäume in der Abgeschiedenheit eines Gipfels eines in süße transparente Nebelschwaden getauchten Berges. Ihre Sehnsucht war der Kompass in ihrem Herzen. Wessen Geistes Kind wir sind, da hin führt er uns. Nachts ist die Straße dunkel und du kannst dein Ziel nicht sehen. Bei Tag ist der Weg nicht selten steinig und staubig. Durst, Sand in den Schuhen, steile Anstiege und die stechende Sonne machen jeden Schritt zur Qual. Das kühle Waser, das Ausruhen, die Erquickung, so heißen Sehnsüchte die deinen Weg säumen.

Wer auf dem Weg geht, ist ein Wanderer. Mancher machte Rast zwischen den roten Blüten des wilden Mohns, und vom Mohn berauscht ließ er sich dort selig nieder. Gesättigt ist sein Sinn. Die Nadel am Kompass dreht sich. Alles tanzt, alles bewegt sich. So sprach er: „Langsam kommt man auch zum Ziel. Wer das nicht versteht, der versteht nicht viel.  Sofern der Berg im Nebel liegt, so wartet der Waise, bis der Nebel sich legt. Und, das wäre mein Entzücken, der Berg möge ein wenig näher rücken.“ Auch zwischen den duftenden Früchten der wilden Erdbeeren lässt sich gut Rast machen. Hier ruhten die Wanderer gerne aus. Mancher legt sein Alltagsjoch ab für eine Nacht, nachdem er sich von den wilden Erdbeeren gesättigt hat. Und noch fiebernd schliefen sie ein. Bei den Erdbeeren lässt sich gut verweilen. Also sprach der Wanderer: „Das ist der Kreislauf des Lebens. Wer immer hetzt und eilt, der rennt vergebens. Des Lebens Weisheit möge auf dem Wege reifen: Sei zufrieden und freue dich an den Früchten am Boden statt nach den Sternen zu greifen.“ Unter der Sonne gibt es viele Wanderer. So kam ein Wandersmann daher, groß, zielstrebig und aus gutem Holz gewachsen. Auch dieser blickte auf, zu den in sanftes Pastell gehüllten Gipfeln. Er kühlte seine nackten Füße in dem klaren Fluss. Welch eine Wohltat. Mancher aber glitt aus, auf den vom Strom glatt geschliffenen runden Steinen, deren mit Wasser umspülte Oberfläche beinahe wie geläutertes Silber im Sonnenlicht glitzerte. Das kühle Nass bedeckte das Haupt der Wanderer für eine Weile, und es umspülte ihren von der Sonne erhitzten Körper. Welch eine Wohltat! Welch kühlende Erquickung. Sodann einem kalt wurde, setzte er sich ans Ufer des Bächleins und erfreute sich am Blick auf die wie geläutertes Silber glitzernden Granitsteine. So mancher wurde gewahr, dass er nass war, und Scham hat ihn bedeckt. So saß er da und verharrte still, und er dachte bei sich: „Möge die Sonne mich trocknen. Sofern der Nebel sich lege, so komme es, dass auch die Sonne sich wende. Drum warte ich hier ohne Not. Fastina Lente.“  Und der Kegel des Sonnenlichts stand noch immer über dem Tal und dem kleinen Wäldchen, und tauchte die sanften Hügel der Landschaft in ein warmes gelb-orangefarbenes Licht.

Die Pastellmalerin hatte einst am Ufer des Bächleins gewohnt. Sie hatte ein kleines Gärtchen, das sie sehr liebte. Darin stand ein kleiner Feigenbaum. Bevor der Winter kam, schützte sie seinen Stamm mit Reisig, und wenn im Sommer die Sonne stach, benetzte sie seine Wurzeln mit dem Wasser aus dem kleinen Bach. Ihr Besitzer hatte den Boden des Gärtchens bereitet, und er sättigte sich von den Feigenfrüchten ihres Bäumchens. So ging es Jahr um Jahr. Er aß sie alle. Er aß die Feigen ganz unten, und die am Rande ebenso wie die reifen Früchte in der Mitte. Und er streckte sich hinauf, um auch die Feigen ganz oben in der Krone zu greifen. Jedoch zertrampelte er so mit der Zeit ihren zarten Stamm. Da grub sie ihr Würzlein mit den Händen aus. Vorsichtig hielt sie die Wurzel mit ein Wenig ihrer Muttererde in beiden Händen und trug sie hinauf auf den pastellfarbenen Berg. Sie suchte sich eine Stelle, die reichlich mit Morgentau bedeckt war. Hier grub sie ihre Wurzel ein. Sie benetzte die junge Pflanzung mit ihren Tränen. Eines aber Tages sah sie unter den kleinen Tropfen des Morgentaus einen jungen Zweig der aus der Wurzel spross. Sie lächelte, richtete ihren Blick auf zu den Wolken am Himmel, und sie sprach: „Getreten und zerbrochen bin ich. Jedoch aus einer gesunden Wurzel wächst immer wieder ein neuer Zweig, hier in der geschützten Abgeschiedenheit der im süßen pastellfarbenen Nebel gelegenen Gipfel, wohin du mich geführt hast. Das ist der hohe Berg, den ich erklommen habe, in einer langen kalten Nacht, als kein Sonnenstrahl meine Seele wärmte.“

 

 Der Himmel lies zu, dass ihre Worte an das Ohr des Zauberers drangen. Der stand in seiner Hexenküche und braute aus Pech und Zucker einen dicken Sud. Als der trocken war, zerrieb er ihn zu einem Pulver. Sodann blies er in sein Pulver und es legte sich auf die grünen Blätter der süßen Kolben auf dem Feld am Fuße seines Berges, das im Land der Nebelberge lag. Und die Sonne, die durch die dichten Nebelschwaden drang, erleuchtete das Feld. So drang ein Hauch von Pech und Zucker in die süßen Kolben, und sie erstrahlten so hell, dass sie nicht anders konnte, als dieses herrliche Leuchten zu betrachten. Da sagte der Zauberer zu ihr: „Du bist so schön. Gerne will ich dir meine Hand reichen. Schicke mir eine Brieftaube, dass sie mir deine Antwort zu Gehör bringe.“ Sie sagte: „Du hast wohl getan, dass dein Feld so leuchte. Du wirst viel Ruhm ernten im Land der Nebelberge. Dein Herz aber wird stets eine Träne mit sich tragen, ob der Früchte deiner Jugend, die du gelassen hast, auf deinem Berg, der jenseits des Landes der Nebelberge steht, gleich hinter dem großen See.“ Da wurde das Herz des Zauberers schwer, und er sagte zu ihr: „Warte noch eine Weile, meine Liebe. Und dann werfe mir deine reifen Früchte herüber. Denn ich will sie in die irdene Schale legen, die hier steht. Leer ist sie, und elend. Ich versprach vor langer Zeit, ich will sie füllen, so dass sie niemals leer wird. Doch meine Früchte, sie sind verbraucht. Mit deinen Früchten will ich sie nun füllen und in das Land der Nebelberge tragen, wo ich meinen eigenen Garten anlegen will, gleich über dem deinen.“

Als er so sprach, stand er in seiner Hexenküche und hielt das irdene Gefäß in seinen Händen. Er bemerkte nicht das offene Fenster hinter seinem Rücken, an dem seit diesem Frühling die Wanderer vorüber zogen, und mit begierigen Blicken das Gefäß verschlangen. Sie wollen es verschlingen. Er aber betrachtete das irdene Gefäß mit Verzücken, und das Gefäß glänzte. Aber es war der Glanz der Frühlingssonne die durch das offene Fenster schien und sich in der glatten Oberfläche spiegelte. Die Pastellmalerin aber betrachtete ihrerseits das irdene Gefäß, die unschuldige Schale. Und sie sah den Glanz in seinen Augen. Doch es war nur die Reflexion der Sonnenstrahlen, die sich durch das weit offene Fenster in dem irdenen Gefäß spiegelten. Sie sagte zur Brieftaube: „Möge er sein Gefäß fest halten, damit es ihm nicht entgleitet, und dass es ihm kein Wanderer stiehlt. Denn seine Augen sind trüb geworden, und ihr Glanz ist nur eine Reflexion. Meine Früchte will ihm nicht herüber werfen, damit er sie aufhebt um sie in seine irdene Schale zu legen, so dass die Schale ihm sodann entgleitet, und er meine Früchte nicht mit seinen Füßen zertritt, während er nach seiner Schale tastet um fest zu halten, was nicht zu halten ist. Will er seine wertvolle irdene Schale mit zertretenen Früchten füllen? Am Morgen zertretenes Obst beginnt am Abend zu gären. Wer will gegorenes Obst essen, das zertreten am Boden liegt? – Du braves Brieftäubchen aber schweige, damit du nicht zu Schaden kommst, ob des Zorns des Zauberers. Nimm ihm seine wertvolle Schale nicht weg, damit sie ihm selbst entgleiten möge, wenn die Zeit dazu gekommen ist. Sage ihm nur, er möge sein geheimes Leuchtpulver nicht im Land der Nebelberge verteilen, vor dem er sich so fürchtet.“ Und die Taube sagte: „Nur ein Wort will ihm bringen, Rien ne va plus“. Frau, deine Weisheit aber behalte in deinem eigenen Land. Einsamkeit und Kummer werden die Botschaft ihm bringen, denn der Lauscher an der Wand hört seine eigene Schand‘.“

 

Die Pastellmalerin gedachte ihrem Besitzer von einst, der ihren Stamm niedergetreten und sich mit ihren Früchten voll gefressen hatte. Mit bloßen Händen hatte sie ihr Würzlein ausgegraben. In der Nacht ging sie ihre dunkle Straße. Sie stieg auf den Berg der im pastellfarbenen Nebel lag. Eines aber Tages sah sie unter den kleinen Tropfen des Morgentaus einen jungen Zweig der aus der Wurzel spross. Sie lächelte, richtete ihren Blick auf zu den Wolken am Himmel, und sie sprach: „Getreten und zerbrochen bin ich. Jedoch aus einer gesunden Wurzel wächst immer wieder ein neuer Zweig, hier in der geschützten Abgeschiedenheit der im süßen pastellfarbenen Nebel gelegenen Gipfel, wohin du mich geführt hast. Schützen will ich diesen neuen Zweig. Da legte sie einen Panzer aus Arroganz um ihre Brust, einen Harnisch aus geschmiedetem Eisen. Sie fragte: „Weißt du wo der Schlüssel liegt, zu meinem Gürtel? – Ich habe ihn weg geworfen, als ich ins Tal schaute, zu den Wanderern, zu den Mohnfeldern und den wilden Erdbeeren die so süß duften, dass ich vor Verlangen weinen muss. Meine Tränen fallen zum Erdboden, und der Tag wird kommen, an dem einer kommt, der meine Hand hebt in seiner Hand. Und wir werden uns sättigen an den Feigen in unserem Garten. Wir werden so viele Früchte ernten, dass wir sie sogar noch verschenken können, an die Armen und Elenden, dass auch sie satt werden.“  Unsre Sehnsucht ist der Kompass in unsrem Herzen. Wessen Geistes Kind wir sind, da hin führt er uns.

 

 

Und es kam der Tag, da rissen die Wolken auf, und die Sonne erhellte die Berge und die pastellfarbenen Nebel legten sich. Wieder drang die Stimme des Zauberers an das Ohr der Malerin. Die Stimme sagte: Nun ist die Zeit gekommen, dass ich Festmahl mit dir halten will. Meine besten Früchte will ich dir geben, in deine Hand. Damit sollst du mich füttern und ich will dich füttern, dass wir beide gesättigt werden. Und erzählen will ich dir von meinem Schwur, den ich ablegte in den Tagen meiner Jugend. Ich legte einen goldenen Eid ab. Den Eid kochte ich, und als das Gold geläutert war, goss ich es in mein Herz. Ich habe ein Herz aus Gold. Mein goldenes Herz will ich dir zeigen, immer wenn wir Festmahl halten, mein gutes Herz, das ich mit dem goldenen Eid aus den Tagen meiner Jugendzeit gefüllt habe. Da nahm die Pastellmalerin ihre Taube in die Hand, streichelte ihr Gefieder und küsste sie. Sie sagte zur Taube: „Liebes Täubchen, diese Botschaft mögest du ihm bringen. Deine Worte haben mein Herz berührt, wie kaum ein anderes Wort. Ich will dir meine Berge zeigen, meine herrliche Landschaft der sanften Hügel, der tausend Seen und Sölle. Dort in der Weite der endlosen Wälder und der tausend Seen, in der stillen Abgeschiedenheit des Landes will ich deinen Worten lauschen, und an kein anderes Ohr wird deine Stimme dringen. Ich werde dem Wind sagen, dass er schweigen möge. Einen Korb will ich auch mitnehmen, gefüllt mit köstlichen Früchten.

Bevor wir los gehen, will ich meinen Raben Excalibur noch füttern, damit er mir gewogen bleibt. Denn ich will Excalibur mitnehmen. Er möge unser Begleiter sein, wenn du dich an meiner Seite nieder lässt zum Festmahl. Er möge mein treuer Begleiter sein, bis ich zurück kehre aus der stillen Weite der Landschaft. Dann will ich meinen dicken Kater füttern, der schon alt ist, und der eine Narbe über dem Auge hat. Ich werde ihm die Früchte geben die ich noch in meinem Korb habe, dass er sich schnurrend daran sättigen möge.“

©

 

 

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