Die Frau des Färbers

Märchen-sind-Metaphern
Märchen - Buch: Ma Carpediem - Tb oder gebunden in altdeutscher Schrift, Fraktur

 

 

 

 

Ein kurzes Märchen:



3. Die Frau des Färbers

Wo die Gasse einen Bogen machte, saß die Frau des Färbers auf dem Vorsprung einer Mauer in ihren neuen ungefärbten Kleidern. Sie winkte, und sie lachte dabei, und die Sonne spiegelte sich in ihren feuchten Augen. Ihr Mann hatte sie verlassen, und er hatte seine wertvolle Habe, alles was ihr lieb und teuer war, mitgenommen. Einst gab ihm sein Vater einen bunten Mantel, der aussah wie der Mantel eines Fürsten. Doch der Färber blieb ein einfacher Handwerksgeselle, und der Vater dachte: „Was du ererbst von deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen.“  So drehten sich die Räder, so vergingen die Jahreszeiten. Nach vielen Jahren nahm der Färber sich ein Weib. Da blickte der Vater auf den Mantel und sprach zu seinem Sohn: „Ein Weib hast du dir genommen, ohne meinen Segen. Wir werden sehen.“ Der Sohn bewahrte diese Worte in seinem Herzen. Und der Vater sprach zu dem jungen Weib: „Liebe Schwiegertochter, einen Färber hast du dir gewählt, mit meinem Fürstenmantel. Was du ererbst von deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen. Sieh, was du davon hast.“ Sie aber blickte auf ihren Mann und sagte:  „Wohin du geht, dahin werde auch ich gehen.“

So vergingen zwei Jahre. So vergingen vier Jahre. So vergingen sieben Jahre. Dann starb der Vater. Da zog der Färber mit seinem Weib übers weite Land, und er färbte die Stoffe für die Gewänder eines jungen Fürsten in der Ferne. Doch er behielt einen Faden des bunten Mantels in seinem Herzen. Sein Weib sah den Faden und sprach: „Greif nicht nach dem Mantel. Du bist doch nur ein Handwerksgeselle, und deine Farben leuchten überall unter der Sonne.“ So kochten der Färber und sein Weib gemeinsam an ihrem eigenen Feuer in einem irdenen Topf. Der Brei war schon fast gut. Da sah der Fürst auf den Faden, den sein Färber im Herzen trug, und er sagte: „Färber, wenn du nicht bleiben willst, so geh hin, woher du gekommen bist.“ Diese Worte legten sich wie Asche auf das Haupt des Färbers. Er sagte: „Nun ist es an der Zeit, dass ich ausziehe, um meinen Mantel zu holen.“ Die Frau des Färbers schrie: „Du hast gerackert Tag und Nacht, Jahr um Jahr. Den Mantel hast du längst erworben. Mann, sei weise: Der Mantel war dir nur geliehen. Es ist nicht dein Mantel, es ist der ungerechte Gewinn eines andren. --- Den Mantel lass liegen, wo er ist, und fass ihn nicht an. So möge er dem seine Früchte bringen, der ihn in seinen Händen hält.“

Der Färber aber zog aus, und kam zurück, und er hatte noch immer den Faden des bunten Mantels in seinem Herzen. Er kniete nieder vor seinem Weib und sprach: „Folge mir.“ Sein Weib aber sprach: „Den Mantel hast du längst erworben. Mann, sei weise: Der Mantel war dir nur geliehen. Es ist nicht dein Mantel, es ist der ungerechte Gewinn eines andren. --- Hier, sieh aus dem Fenster und betrachte diesen Acker, den dein Vater hier in der Ferne erwarb. Der Fürst soll ihn nicht mehr bestellen. Diesen Acker mögest du selbst bestellen, und den Zins sollst du seiner Witwe geben. Deinem Vater warst du ein treuer Geselle und deine Mutter sollst du nicht betrügen. Es ist nur ein kleiner Acker. Doch ich selbst werde die Steine davon auflesen.“ Der Färber lachte, und sein Herz wurde bitter gegen seine treue Gefährtin. Er sagte: „Wer bin dich denn! Ein Färber bin ich, und kein Bauer, kein armer Schnitter.“ Er setzte sein Weib über seine Habe.

Sodann zog er aus und wurde Geselle bei seinem Nachbarn im Land seiner Väter und er rief zu seinem Weib: „Wozu muss ich den Mantel besitzen. Ich trage ihn doch.“ Sein Herz aber wurde sehr bitter gegen sein Weib, weil er sie über seine Habe gesetzt hatte.  So kam es, dass er dem Weib seine Habe nahm und sagte: „Meine Habe will ich in der Stadt zeigen und morgen bringe ich sie dir zurück.“ Das Weib weinte wegen der verlorenen Habe, und das Herz des Färbers wurde hart, so dass er sprach: „Auf dem staubigen Boden mögest du ruhen. Durch dein Dach möge es herein regnen, und dein Mund möge sich mit Kies füllen. Davon mögest du dich sättigen.“

Irgendwann kam ein Schausteller, ein fahrender Musikant mit bunten Kleidern, mit Glocken und Schellen und Flötenspiel, und er wollte ihr das liebste Gut bringen, das ihr Mann ihr genommen hatte. Sie sah es. Sie erkannte es. Es war noch immer so schön anzusehen. Sogar der goldene Faden, den sie eingesponnen hatte, glänzte noch so hell wie damals in der Sonne. Der Färber hatte in der Ferne auf der Innenseite einen dicken wollenen Flor drauf gefilzt.  So hielt es dem Wind und dem Regen stand. Die Frau des Färbers hob die Hand, so dass der Spielmann ihre Handflächen sah. Sie zerriss ihre Kleider vorne an der Brust. Man sah die Innenseite ihres Kleides, und da war etwas das aussah wie ein Filz, welches Wind und Regen stand gehalten hatte. Doch es war die wollene Abseite, die sie eingewebt hatte, so wie sie es schon immer tat. Sie hob ihren Blick empor zu den Wolken am Himmel. Dann trat sie einen Schritt zurück. Sie raffte ihr Kleid an der Brust zusammen, und sie ging in ihr Haus. Ihren Blick wandte sie nicht um.

 

In ihrem Haus gab sie zwei Löffel Hirse und einen halben Löffel Zucker in den großen Mörser, der immer am Eingang zur Küche auf einer Truhe steht. Sie zerrieb alles zu Mehl. Dann gab sie die gleiche Menge feines weißes Mehl darauf, zerstampfte Sonnenblumenkerne, vier Löffel voll geriebenes trockenes Brot, etwas Natron-Salz, eine Prise Pfeffer und zerriebenen Mohn dazu. Sie rührte zwei Eier, Zucker und ein paar Tropfen Wasser schaumig und vermischte alles zu einem weichen Teig. Dann setzte sie mit einem Löffel kleine Kugeln in ihre Eisenpfanne und buk daraus kleine Küchlein, so wie sie es immer tat, wenn sie ihres liebsten Guts gedachte, das der Färber ihr genommen hatte. Sie wendete jedes der warmen duftenden Küchlein in Zucker und legte eins zum andren auf einen irdenen Teller.

Sie aß und lächelte dabei. In ihren Augen spiegelte sich der große See, der in dem Wald hinter ihrem Haus lag, auf dem Bild an der Wand über dem kastanienbraunen Tisch. So verschmolzen Hirse und Zucker, Mohn und Kastanienholz zu einem nach Zucker duftenden Frieden.

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