Der Zöllner von Jericho



 

 

 

 

Zachäus aus der Bibel

10. Der Zöllner von Jericho



 

Das ist die biblische Zachäus-Geschichte in der Version der Märchenfrau, und ihre Hinführung in Person der sonderbaren ehemaligen Lehrerin einer kleinen Dorfschule.

 

Die gebeugte alte Frau sagte: „Bevor du mit dem Finger auf Zachäus, den Zöllner von Jericho zeigst, luge erst man unter dein eigenes Dach. Die Frau lebte sehr zurück gezogen. Das war nicht immer so. Einst war sie Lehrerin an der kleinen Dorfschule gewesen. Das Schulgebäude stand auf dem Platz am Brunnen, da wo die zwei Linden stehen, unter denen im Sommer die alten Männer sitzen und sich Geschichten erzählen.

Dies ist auch so eine Geschichte: Das Schicksal hat es so gewollt. Es hat in einer einzigen Nacht den Nacken der Lehrerin gebeugt. Die Frauen im Dorf schweigen. Sie sagen nur: „Nie mehr hat sie ihren Blick aufgerichtet. Sie hat aufgehört, die Kinder zu unterichten. Von da an saß sie still in der Kammer, und gedankenversunken spinnt sie Wolle für die Hirten. So ändert sich über Nacht das ganze Leben“.

Die alte Lehrerin sprach zu mir, während sie in ihrer Kammer saß und Wolle spann: „Wer die Dunkelheit kennt, der versteht die Elenden. Da ist einer, der seinen Arbeitsplatz verliert, und der spricht: 'Ich fühle mich gar nicht so, aber ich bin wohl ziemlich weit unten am Rand der Gesellschaft‘“.

Die Frau sprach weiter: So ähnlich erging es auch Zachäus. Der hatte auch keinen Job. Er hatte oft nichts zu essen, und seine Kinder hungerten oft, und seine Frau weinte, wenn sie in die knochigen Gesichter ihrer Kinder sah, nur Haut und Knochen. Denn es gab damals kein Hartz4. Zum Glück fand Zachäus noch rechtzeitig einen Job, bevor seine Kinder verhungerten. Er fand eine Anstellung bei seinen Landsleuten, den verhassten Römern, also bei der Besatzungsmacht im alten Jericho. Das lag im heutigen Palästina. Seit  Zachäus im Dienst seiner Landsleute als Zöllner gearbeitet hat, ging es ihm finanziell besser, und er stieg auch in der gesellschaftlichen Hierarchie auf. Jetzt war er nicht mehr Hartz4, jetzt war er Zöllner. Was für eine Karriere.  Das hat Zachäus Appetit auf Mehr gemacht:

Zachäus, ehemals Bettler und jetzt Zöllner von Jericho, kontrollierte kraft Amtes und im Auftrage der Römer an den Stadttoren die Waren der Händler, die in die Stadt hinein wollten. Die Römer gaben ihm einen Rahmen vor, eine Begrenzung, innerhalb der Zachäus entscheiden durfte, wie hoch er selbst die Steuer für den jeweiligen Kaufmann und seine Karawane festsetzte. Er, Zachäus selbst war es, der jeweils zu entscheiden hatte, wie viel Steuern welcher Kaufmann zahlen musste. Zachäus schöpfte den Rahmen voll aus, den die Römer ihm gaben. Es ist überliefert, dass er immer auch ein bisschen Geld für sich selbst abgezwackt hat. Es ist nicht klar, ob er das Geld seinen eigenen Landsleuten abgezwackt hat, also innerhalb des Rahmens, den die Römer ihm vorgaben, oder ob er den Kaufleuten noch mehr abgenommen hat, als er gedurft hätte. Es ist nicht bekannt, dass er verurteilt wurde. Da hat sich also niemand, kein Kaufmann und kein Bürger Jerichos, über Zachäus beschweren können. Ich denke, Zachäus blieb im Rahmen beim Festlegen der Steuern, so wie die rechtmäßigen Besatzer ihm das vorgegeben haben. Er hatte ja einen gewissen Spielraum, und den hat er bis zum Letzten ausgereizt. Zachäus war offenbar ziemlich clever.

Zachäus war mal bettelarm gewesen, ganz unten, ein Looser, und jetzt war er Zöllner. Eine tolle Karriere. Für seine Frau war Zachäus ein Winner-Typ, ein Supermann, und für manch andren einfach nur ein fieser Schummler. Vieles liegt im Auge des Betrachters. Viele Leute mochten Zachäus nicht leiden. Sie sagten, er habe Rom „seine Seele verkauft“. Sie sagten Sachen wie: „Wenn Kehrdreck Pfeffer wird, dann beißt er“. Über seine Frau sprachen sie auch nicht besser. Sie tuschelten hinter ihrem Rücken, so dass sie es bemerken musste. Sie haben über ihre Kleider gelästert, weil sie so schöne hat. Und sie sagten: „Ach, die lebt doch nur mit diesem kleinen Zachäus zusammen, weil der einen großen Geldbeutel hat“.  In den Hinterhöfen von Jericho spielten die Kinder. Immer waren es die Kinder von Zachäus, die beim Spiel an den Marterpfahl gebunden wurden, und immer waren es die Kinder der Gerber und der Korbflechter und die Kinder der Seifensieder, die johlend um den Marterpfahl herum tanzten, und dann liefen sie weg, und Zachäus Kinder mussten sich selbst aus ihrer Fesselung befreien. Wenn Zachäus in die Taverne kam, haben die Männer ihm den Rücken zu gedreht. So kam es, dass er in seiner Freizeit weniger als andere Männer aus dem Haus ging, und wenn er mal in eine Taverne ging, dann trank er alleine, und seine Augen starrten stumm vor sich hin. Niemand weiß, was dem armen reichen Mann in so einem Augenblick durch den Kopf ging. Seine Gedanken bleiben ein Geheimnis, über das er mit niemandem sprach.

Man weiß auch nicht, was Zachäus an jenem Vormittag dachte, als es unruhig in der Stadt wurde. Es  schien ein  guter Tag für den Zöllner zu werden, an dem so viele Kaufleute wie seit langem nicht mehr in die Stadt kamen. Die Münzen klingelten in seinem Beutel. Er hatte schon viel Geld eingenommen. Ein guter Tag für Zachäus, den römischen Zöllner. Es herrschte eine Aufregung in der Stadt, die anscheinend jeden ergriffen hatte. Zachäus verstand das alles nicht. Schon den ganzen Tagen haben die Leute so ein komisches Zeug getuschelt. Sie erzählten von Wunderheilungen und von interessanten Geschichten, von Gleichnissen. Und dann geriet die ganze Stadt plötzlich in helle Aufregung, die wie eine Woge in die Stadt herein schwappte.  Zachäus war einer der ersten in Jericho, der den Grund erfahren hat. Er hörte, wie die Leute aus Jericho den Kaufleuten entgegen liefen, denen er eben gerade die Steuern abgeknöpft hatte, und sie fragten sie ganz aufgeregt nach Jesus. 

Die Kaufleute waren von Menschen umringt. Sie sagen, dass sie ihn gesehen haben. Sie haben Jesus gesehen. Sie sagten, dass Jesus nach Jericho kommt. Heute. Die Stadt war sehr voll an diesem Tag. Das ganze Gesindel, das sich sonst vor den Stadttoren herum treibt, war in die Stadt gelaufen: Hirten, Bettler, Lahme, Krüppel, Bauern, ganz viele Kaufleute und die Frau des Färbers. Der hatte die Stadt mit fast seiner ganzen Habe verlassen. Seit dem sitzt sie oft am Stadttor und bietet ihre selbst gewebten ungefärbten Wollstoffe zum Kauf feil.  Die Kranken mit ihrem Fieber und ihren eitrigen Beulen hat Zachäus nicht in die Stadt herein gelassen.  Und jetzt wusste Zachäus, warum die alle in die Stadt herein wollten. Alle wollten Jesus sehen. Es hieß: Jesus kommt nach Jericho.  Da geriet alles in helle Aufregung. Es zog einfach jeden zu ihm hin. Auch Zachäus. Er sperrte kurzerhand sein Stadttor zu, und ging selbst in die Stadt hinein.

Auf den Straßen drängelten sich Alte, Junge, Arme, Reiche, Gesunde, Lahme und Krüppel. Zachäus, der von seiner Statur her nicht groß war, stand ganz hinten. Alles was er sehen konnte, waren die Schulterblätter der Menschen, die vor ihm standen. Er hätte sich vordrängeln müssen, um auf die schmale Gasse blicken zu können, die von den Menschen frei gelassen worden war, und auf der Jesus jeden Moment entlang kommen würde.  In diesem Gedränge zwischen all dem Gesindel das an diesem Tag in der Stadt war wollte sich Zachäus nicht zerquetschen und mit Läusen oder Flöhen verunreinigen lassen. Er ging auf einen kleinen Hügel, auf dem ein großer Gebäudekomplex stand. Vor dem Gebäude stand ein alter großer Maulbeerbaum, der über und über voll Früchte hing. Auf diesen Baum kletterte Zachäus hinauf. Von hier hatte einen freien Blick auf die Straße, und er konnte sich von den Früchten auf dem Baum bedienen, die wie sehr große, dunkle Himbeeren aussehen, die ganz besonders lecker und kräftig schmecken. So saß Zachäus in seinem Logenplatz und er interessierte sich nicht für die Korbflechter, Seifensieder und Ziegenhirten die sich unter ihm drängten und die sich verächtliche Dinge über den Zöllner zuriefen: „ Da sitzt Zachäus, der  Zöllner Roms im Baum, mit seinem schicken Mäntelchen.  Seht nur her. Wie ein Pavian-Äffchen hockt er  auf einem Ast und stopft sich das Maul voll.“ Es herrschte eine Stimmung, wie in  einem Fußballstadion. Als Jesus die Stadt erreichte, ging ein Aufschreien durch die Menschenmasse und dann wurde es still. Die schmale Gasse wurde immer enger, und Zachäus sah, wie Jesus sich durch die schmale Gasse drängen musste. Es schien, als wolle jeder Jesus wenigstens einmal berühren, und sei es nur, am Zipfel seines Gewandes. Wo die Gasse einen kleinen Bogen macht, saß die Frau des Färbers auf einem Mauervorsprung, auf ihren Wolltüchern, die sie selbst gewebt hatte,  in ihren neuen, ungefärbten Kleidern. Es sah so aus, als hätte sie ihr Haar gebleicht. So saß sie da und winkte Jesus lachend zu, und die Sonne spiegelte sich in ihren Augäpfeln.

Vor dem großen Gebäudekomplex sah Jesus schließlich den Maulbeerbaum. Und er sah Zachäus, wie er maulbeerenessend von seinem Logenplatz aus die Szene mit glanzlosen Augen beobachtete. Jesus sah bei dem Zöllner Roms keine Weisheit im Baum sitzen. Er sah Stolz im Baum sitzen, neben Selbstgefälligkeit, und er sah Einsamkeit im Baum sitzen, kein Lächeln. Und vor allem sah er den Zorn eines weisen Beobachters über dem Baum stehen, wegen dem Stolz und der Selbstgefälligkeit, die da neben dem sich das Maul voll Maulbeeren stopfenden Zachäus im Baum saßen. Da deutete Jesus mit seinem Wanderstab auf den Zöllner und rief etwas zu ihm herüber, so dass es jeder hören konnte. Er rief: „Du, bist du Zachäus, der Zöllner. So steige du mal schnell von dem Baum herunter! Heute will ich mit meinen Jüngern Gast in deinem Haus sein.“

Boah! Da haben die Leute geschimpft. „Was? Bei diesem Halunken will Jesus Gast sein? Bei diesem Beutelschneider? Seht nur, wie er da wie eine diebische Elster im Baum sitzt, und auf uns herab schaut…“ Oh. Die Leute waren richtig sauer.

Zachäus sprang vom Baum herunter und rannte eilends in sein Haus. Frau, hole den besten Wein! Sind die Kinder sauber gewaschen? Das gute Tischtuch…  Jesus indes ging mit seinen Jüngern und von einer empörten Menschenmasse eskortiert und umringt zu dem Haus des Zachäus. Er klopfte und  es wurde ihm geöffnet, von einem Zachäus, der äußerst erregt darüber war, dass Jesus so unerwartet in sein Haus kam. Er hätte ihn gerne besser bewirten wollen. Aber Zachäus Frau gab ihr bestes. Sie tafelte ganz groß auf, mit dem, was ihre Vorratskammern zu bieten hatten, und das war eine ganze Menge.

Dann wurde Zachäus plötzlich ganz still. Er sah seinem Gast zu, wie der das Brot nahm und es brach, so wie er es immer tut. Er saß da mit seinem Gewand, das am Saum schon ganz ausgefranst war, und ganz dünn an den Knien, und Zachäus schaute auf Jesus nackte Füße. Da fiel Scham über Zachäus. Er war nicht nass, aber er fühlte sich so, als ob man ihm einen Eimer Wasser über den Kopf gegossen hätte. So sehr schämte er sich vor Jesus. Wie ein Tropf saß er da. Er schwieg eine Weile und dann sagte er zu Jesus: „Die Hälfte von meinem ganzen Besitz schenke ich den armen Leuten. Und wenn ich jemand betrogen habe, dann gebe ich es vierfach zurück.“

Jesus sagte: „Heute ist diesem Haus Heil widerfahren, denn auch Er ist Abrahams Sohn. Denn der Menschensohn ist gekommen, um zu suchen, und selig zu machen, was verloren ist“.

Der Stammvater Abraham betete zu Gott Jahwe, und auch Zachäus ist im entfernten Sinne ein Nachkomme Abrahams. Das bedeutet: Zachäus ist auch ein Kind Gottes. Mit „Menschensohn“ meint Jesus sich selbst, der Mensch gewordene Sohn Gottes.  Jesus ist also gekommen, um zu suchen und um selig zu machen was verloren ist. Auch Menschen können verloren gehen…  (frei aus Lk 19, Bibel)

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