Das eiserne Siegel

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Ein Rachemärchen:

9. Das eiserne Siegel



Das Meer hat ihre Fußspuren schon lange verwischt. Es war eine Zeit, von der sagt man, sie ist lange vorbei. Sie lebte in einer Zeit, in der ihre kleine Bucht zu dem Königreich eines der mächtigsten Kaiser gehörte, die die Welt gesehen hat.  

In der kleinen Bucht, am Südufer des Mare Nostrum, lebte eine wunderschöne Frau. Sie war schon älter. Doch ihr und ihrem Mann, einem von Wind und Sonne gegerbten jähzornigen Freibeuter, war es versagt geblieben, dass sie Kinder haben.

Das machte sein Herz bitter und er ließ seinen Zorn an seiner Frau aus.

Oft hat er mit ihr am Strand gestanden, und sein Blick glitt weit hinaus auf das Meer. Oft schien es so, als könne er die Schiffe sehen, die sich stöhnend und ächzend in das tiefe Meer hinab neigten, all ihrer Kostbarkeiten entledigt, die in ihren kleinen Booten oder an Balken und leeren Fässern klammernden Matrosen mit sich in ihr nasses Grab reißend. Was lassen diese Unglücklichen zurück? Ein Seemann hat kein Weib, kein Rind und kein Kind. So kehrt er ein in diesem Hafen und in jenem. Seine Segel setzt er mit dem Wind, und seine Tage führen ihn mal nach Süden, mal nach Osten. So wie der Wind weht, so verwehen seine Jahre, und das Meer verwischt seine Werke wie die Spuren des Freibeuters und seiner Frau im Sand. Der Matrose lacht und lebt, um die Zukunft sorgt er sich nicht, und Kummer kennt er keinen. Manchmal kommt es, dass er Rast macht in einem Hafen, und das Leben feiert sich selbst.

 

Das waren die Gedanken des Freibeuters. Da ging ein Lächeln über sein Gesicht. Denn in seinen Gedanken war er bei den Matrosen, die ihr Leben feiern. In den Augen seiner Frau, die neben ihm stand, sahen seine Gedanken den dunklen, von gierigen Mündern aus großen Krügen getrunkenen Wein, wie er sich vor lauter Hast über die Brüste der Prostituierten ergießt.

 

Eines Tages zog der reiche Freibeuter wieder mit Fellen, wertvollem Geschirr, Salz und Vanille schwer beladen in das Land hinter den hohen Bergen. Dort in dem Land der hohen Berge drängten sich die reichen Kaufleute um ihn. Und jeder wollte seine Felle kaufen. Da erblickten seine schwarzen Augen die Tochter des reichsten Kaufmannes jenseits und diesseits der Alpen. Ihre flachsblonden Haare glänzten wie Seide in der Sonne die hoch oben über den Gipfeln der schneebedeckten Berge stand. So kam es, dass der Freibeuter nur noch selten in der sonnigen Bucht am Südufer des Mare Nostrum gesehen wurde. Nur wenn er von einem seiner Beutezüge zurück kam, machte er ein paar Tage Rast bei seiner Frau. Dann gab er seinem Weib ein schönes Fell und ritt mit ihr aus.  Doch bevor er wieder nach Norden aufbrach, nahm er seinem Weib das Fell. Er nahm alle Felle mit. So vergingen drei Jahre, und er war fünf mal mit ihr ausgeritten.

An einem einsamen Tag ging das Weib ein paar Schritte ins Meer, ihren Blick an den Horizont geheftet. In ihren Gedanken sah sie einen Acker, den man von den Steinen gesäubert und zur Aussaat vorbereitet hat. Der Acker aber lag schon seit vielen Jahren brach. Und er brachte keinen Weizen hervor. So kam es dass der Acker zu einer wüsten Steppe wurde. Und mit jedem Schritt, den die Frau gen Horizont tat, sah sie den Acker mehr und mehr zur Wüste werden.

Ein warmer Wind streichelte ihr Haar. Da drang ein leises Säuseln an ihr Ohr. Die Frau blieb stehen und lauschte dem Wind. Nach einer Weile hob ihre Hände gen Himmel empor, und es schien so, als wolle sie jubeln. Dann benetzte sie ihr Gesicht mit den Händen, wusch sich die Oberarme und bedeckte ihr Haupt mit dem kühlen Wasser aus ihren Händen. Schließlich duckte sie sich in das noch seichte Wasser und badete.

Anschließend eilte die Frau in ihr Haus, holte ihre sauberen Kleider aus der Truhe und drehte ihr noch feuchtes Haar zu einer dicken Kordel und steckte sie mit einem Kamm mit drei langen Zinken und einer Schaumkoralle am Griff fest.

So ging das Weib in seinen sauberen, geglätteten leinenen Lumpen zum König, kniete nieder und sprach: „Edler König, mögest du so gnädig sein und mir Gehör schenken. Niedergetreten bin ich, und arm. Elend bin ich und keines Menschen Wort erfreut mein Herz den ganzen Tag. So vergehen die Jahre meines Lebens. Grau sind meine Tage und schwer ist mein Herz. Gib mir den Scheidungsbrief, damit mein trauriges Herz frei sein darf.“ Der Blick des Königs aber wurde finster, und sein Herz wurde bitter gegen die Frau, und er schimpfte: „Du elendes Weib, du hast das Herz einer Hure. Frei sein, soll dein Herz, damit du dir einen jungen Mann in dein Bett holst. Und du wagst es, mich damit zu behelligen. Das wirst  du mir teuer bezahlen. Den Scheidungsbrief aber gebe ich dir nicht. Zieh nach Norden, und da soll der König im Land der hohen Berge den Scheidungsbrief dir geben.“ Er hob seine Hand und zeigte zur Tür, und an seinem Daumen ragte sein königliches Siegel, das geschmiedet war aus Erz aus Eisen und Ton. Die Frau blickte an ihren ärmlichen Lumpen herunter, das Bild des Siegels aber bewahrte sie auf in ihrem Herzen.

Sie ging wieder in ihr Haus. So vergingen sieben Monate. Als ihr Mann wieder von einem seiner Beutezüge zurück kam, machte er ein paar Tage Rast bei seiner Frau. Dann gab er seinem Weib ein schönes Fell und ritt mit ihr aus.  Doch bevor er wieder nach Norden aufbrach, nahm er seinem Weib das Fell. Er nahm alle Felle mit. Da schrieb sie dem König einen Brief: „Mein guter König, Ehre sei mit dir. Friede sei mit dir. Weise bist du, und dein Wort ist Wahrheit. Elend bin ich und schlecht. Vergebung ist das, wonach mein Herz sich grämt.“ Als ein Jahr vergangen war, sprach die Frau zu ihrem Mann: „Geh zum König und verkaufe ihm drei deiner besten Felle.“ Dem Freibeuter gefiel die Rede seiner Frau. Und dem König gefielen die Felle. Er führte den Freibeuter in den Wald zu der Höhle in der er sein Silber und seine Edelsteine aufbewahrte. „Damit,“ so sagte er, „will ich dich für deine herrlichen Felle bezahlen. Das Gold aber,“ so prahlte er, „das ist der Lohn für meine Soldaten. Da schwoll das Herz des Freibeuters an. Stolz machte er sich nochmal auf den Weg zu der kleinen Bucht um seinem Weib die Kunde von seinem Erfolg zu bringen. Dann drehte er sich ohne Gruß um und wollte wieder nach Norden ziehen. „Halt ein,“ so rief seine Frau im nach. „Hier, iss. Es ist guter Brei. Iss von diesem schönen Löffel. Ich habe ihn der alten Mara gestohlen.“ Da aß der Mann, nahm den Löffel und ging. Da lächelte die Frau und sie gedachte der alten Mara, die schon seit Tagen im Sumpffieber lag.

Als der Morgen graute, brach sie auf und ging zum Marktplatz, auf dem die Gewürzhändler und die Teppichhändler ihre kostbaren Waren feil boten. „Geh doch zu dem jungen König dessen Reich an das Reich unseres Königs grenzt,“ sagte sie zu dem Purpurhändler, „denn der junge König hat ein Weib genommen und sie wird sich über einen purpur-farbenen Mantel freuen.“ Da sprach der Händler: „Wer bin ich, dass der fremde König meine Ware kauft.“ Die Frau unterbrach seine Rede: „Erhöhen wird der fremde König dich, wenn du ihm diese Kunde bringst. Es ist die Kunde von der Höhle, in der unser König sein Gold aufbewahrt, mit dem er seine Soldaten bezahlt.“

Am Abend ging die Frau in die Häuser ihres Dorfes, und die Nachbarn küssten ihre Füße wegen ihrer warnenden Worte. An das Ohr eines Freibeuters, der auch ein Kaufmann ist, dringen viele Worte. Und der Arme soll eine Warnung nicht ungehört verhallen lassen. Da gingen die guten Leute alle in das Haus der alten Mara und küssten sie auf den Mund.

Die Soldaten des Südens aber wurden wütend, weil der König ihren Sold nicht zahlte. Sie warfen ihn zu Boden und das eiserne Siegel an seinem Daumen zerbrach. An dem Tag, an dem das Volk von seinem König Abschied nahm, schrieb der Chronist in sein Buch:  Die Rauchschwaden waren noch nicht verflogen, da war das kommende Unheil jenseits der grünen Auen am Fuße der Stadt zu sehen. Es waren die Feldzeichen der herbei nahenden Soldaten des Nordens. Da flohen die Soldaten des Südens in die Weinberge. Und die Soldaten des Nordens zogen vorüber an dem Dorf der armen Frau, das im Sumpffieber lag. So vergingen zwei Wochen. Dann zog das Fieber mit den Soldaten des Nordens. Die guten Leute aber wurden wieder genesen. Die Frau lehnte sich weit aus dem Fenster, atmete tief durch. Ihre Lungen füllten sich mit einer wohltuenden kühlen Brise,  die vom Meer kam. Und ein Sonnenstrahl streichelte ihre Wange. Denn die Heimat des Fiebers ist der Süden, und der Süden ist auch die Heimat der armen Leute. In den Dörfern des Nordens aber ist das Fieber nicht daheim. Den Freibeuter aber hat man nicht mehr in der Bucht am Südufer des Mare Nostrum gesehen. Seine Jahre waren viele geworden und seine Augen waren trüb geworden und die Furcht hat seinen Nacken gebeugt, die Angst um sein junges Weib, das im Fieber gelegen und beinahe gestorben war.

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