Cora, meine Cora

Märchen-sind-Metaphern

Frauenbild im Märchen - Cora, Herrin der Weinberge - Frauenmärchen

 

 

 

 

 

Ein kurzes Märchen über Väter und Töchter, über Habgier und Bauernopfer




6. Cora, meine Cora - Herrin der Weinberge

Die Geschichte ist ein Märchen der Autorin. Im Land in dem alle Straßen zu ein und demselben Ziel führen, im Land der Olivenhaine, im Land von Marmor und Eisen erstreckten sich die Weinberge bis weit ins Landesinnere hinein. Man erzählt sich von einem großen Weinbauern, der vor langer Zeit mit seiner Frau und seiner Tochter hier lebte. Vor der Anmut der Tochter wollten die Rosen hinter seinem Haus vor Neid erblassen, und dazu war sie noch tüchtig und ganz außerordentlich klug. Das Schicksal von klugen Frauen beschäftigte die Gemüter schon seit Jahrtausenden. Als der Weinbauer also merkte, dass er alt wurde, sagte er zu seiner Tochter: „Cora, meine Cora, ich bin schon alt, und es ist an der Zeit, dass ich gehe. So nimm dir einen zum Gemahl. Dann will ich dich über all meine Weinberge setzen.“ Der Tochter gefiel die Rede des Vaters und sie nahm sich Agnus, den Sohn eines Schnitters und einer Weberin zum Mann. Da gab der Vater ihr seine Weinberge, und so wurde Agnus der Fürst der Weinberge. Und die kluge Tochter wurde Fürstin. Kaum war der Klang der Hochzeitsglocken verklungen, da nahm die Fürstin ein Bad, kleidete sich in ihre kostbarsten Kleider, und eilte zum Palast des Kaisers.

Dort stellte sich vor die offene Pforte des Thronsaals. Als der Kaiser sie erblickte und mit seinem Zepter auf sie zeigte, trat sie zwischen den Wachen hervor und verneigte sich. Der Kaiser sagte: „Was ist das für ein Weib, das da im Tor steht. Wo kommt sie her? Was will sie?“ Die Fürstin schwieg und neigte ihr Haupt. Dann sah sie zum Kaiser auf und sagte mit Balsam in der Stimme: „Ehre sei mit dir, mein Kaiser. Mein Vater ist schon alt an Jahren, und er setzte mich über seine Weinberge und über seine sieben großen Kelter. Doch sieh mein Elend. Wer nur soll meinen Wein kaufen?“ Da sprach der Kaiser mit milder Stimme: „Wie ich hörte, soll dein Wein ganz vorzüglich sein. Jedoch kaufen meine Diener den Wein von den kleinen Weinbauern der umliegenden Berge. So tat es schon mein seliger Vater. Und der Wein ist vorzüglich. Mein eigener Weinberg, er ist gut, doch er ist sehr klein.“ Da verneigte die Fürstin sich, richtete sich wieder auf und sagte: „Deine Trauben will ich dir keltern zu dem besten Wein, denn die Weinbauern sagen, deine Trauben sind die süßesten im ganzen Reich. Ach, wenn du doch nur meinen Wein kaufen mögest.“ Das gefiel dem Kaiser.

Durch die Weinberge ging ein großes Wehklagen und die Bauern schlugen sich vor die Brust. Der Kaiser wollte ihren Wein nicht kaufen. Da ging die Fürstin zu den Bauern und sprach: „Euren Wein will ich kaufen.“ Die Bauersfrauen küssten ihr die Hände, und ihre Segenswünsche begleiteten sie auf dem Heimweg. Der Kaiser kaufte ihren Wein. Den vorzüglichen Wein der Bauern verkaufte die kluge Fürstin dem Pharao. Die Seeleute brachten ihn in ihren mit großen Fässern schwer beladenen Schiffen übers Mittelmeer in das Land der Sonne, in dem der Pharao regierte. Als die Fürstin sah, dass der Handel gut war, da blickte sie von ihrer Terrasse aus über ihren Weinberg, und ihr Blick schweifte weiter und da ging ein Lächeln über ihr Gesicht. Sie eilte durch das Haus. Ohne sich nach dem alten Vater herum zu drehen ging sie wieder zu den Bauern und sprach: „Wozu soll ich euren Wein kaufen? Eure Weinberge will ich kaufen, und ihr sollt meine Schnitter sein.“ So kam es.  Da ging die Fürstin ein drittes Mal zu ihren Bauern. Sie befahl: „Stellt euch in eine Reihe.“ Dann zählte sie ab: Du bleibst, du gehst, du bleibst, du gehst, du bleibst, du gehst. Wer nicht bleiben durfte, der musste fort gehen. Und die Schnitter schlugen sich im Schweiße ihres Angesichts und gebeugt von der vielen Arbeit, die nicht enden wollte vor die Brust. Ein großes Seufzen ging durch die Weinberge. Die Weiber der Bauern aber sannen auf Rache und der Himmel kam ihnen zur Hilfe. Sie kam in der Gestalt eines Findelkindes, das eine elende Mutter vor den Stufen zur Kirche abgelegt hatte.

Es war ein Knabe, rosig und gesund. Sie wickelten ihn in saubere Windeln und verschnürten das kleine Bündel mit einem Band, das einst die Mutter von Agnus des Fürsten gewebt hatte. Noch bevor der Hahn krähte legten sie das Kind an der Haustür der Fürstin ab. Die Fürstin erschrak, als sie den Knaben sah und sie nahm ihn und brachte ihn in ihre Küche. Als sie ihn aufschnüren wollte, um ihn in frische Windeln zu legen, erstarrte sie und ließ das Band fallen, mit dem das Bündel verschnürt war. Sie legte das Kind in einen Wäschekorb. Agnus, ihren Gemahl aber jagte sie mit Schimpf und Schande von ihrem Berg. Agnus hob stolz sein Haupt und kein Wort kam über seine Lippen. Er schnürte sein Bündel, und er heuerte bei den Seeleuten an, die den Wein zum Pharao brachten. So setzte er über in das Land der Sonne. Er stellte sich an die große Tür zum Thronsaal des Pharao. Als der Pharao mit seinem Zepter auf ihn zeigte, trat er vor.

So kam es, dass Agnus sich beim Pharao bewährte. Der Pharao aber sandte seine Boten zur Fürstin in das Land der Weinberge. Sie brachten ihr einen Myrtenzweig. Dann sprachen sie, wie der Pharao ihnen befohlen hatte: „Deinen Vater und deine Mutter sollst du küssen, und dann sollst du mit uns in das Land der Sonne kommen. Der Pharao begehrt dich zur Gemahlin. Sprich, Frau: Wirst du uns folgen? Wenn es dein Wille ist, dann folge uns und werde Ehefrau des Pharao. Sollte es aber nicht dein Wille sein, so bleibe in deinem Haus, und Gott möge dich segnen.“ Da schwoll die Brust der Fürstin an. Ihr Herz überschlug sich vor Freude, und ihre Wangen wurden rosig. „Ja,“ so sprach sie, wenn es dem Pharao gefällt, so werde ich mit euch gehen. Und ich werde eure Herrin sein.“

Bald darauf war Hochzeit im Land der Sonne. Die Diener des Pharao brachten die Braut in seinen Harem. Der Pharao aber sprach zu Agnus: „Meine Liebe ist mit dir. Du hast dich bewährt, mein Sohn. Über meine ganze Habe will ich dich nun setzen. Wir wollen ein großes Fest feiern, da will ich dir deinen goldenen Mantel geben. Alles was ich besitze sei dir anvertraut. Nur meinen Harem, den sollst du nicht betreten. Die Fürstin aber, die will ich nicht anrühren. Sie war die Deine. Wenn es dein Herz begehrt, so sollst du sie besuchen, wann immer dir danach verlangt. Sie war die Deine, bis sie dich mit Schimpf und Schande aus deinem Haus verjagt hat. Aron, meinen einzigen Sohn will ich über die Weinberge im Land der Fürstin setzen.“  Agnus küsste den Pharao und ging. Agnus, der zweite Mann im Land in spe ging in seinem Zimmer auf und ab, und Schlaf konnte er keinen finden. Sein Blick wurde trüb. Da schlich er sich zur Fürstin und sprach:

Kein Leid wird unsren Blick mehr trüben. Höre meine Rede: Dein Besitzer, der Pharao, der dich nicht berührt, setzte seinen Sohn Aron über deine Weinberge die er dir geraubt hat. Verdorren möge er auf deinen Weinbergen. Schließe du mich in deinem Zimmer ein, dass kein Auge mich bei dir erblicken wird. Wozu soll ich arbeiten wie ein Sklave? Ich bin der zweite Mann im Staat. Mein Sohn, so hat der Pharao mich genannt. Sieh, er ist schon alt an Jahren, und bald wird seine Habe meine Habe sein.“

Der Pharao bedeckte seine Augen mit seiner Hand und neigte sein Haupt. Die Enttäuschung ließ seinen Blick trüb werden. Denn sein Auge sah Aron, der sich des Nachts in Sacktuch heimlich zur Fürstin schlich. Viele Tage lang hob er seinen Blick nicht. Da kam ihm die Kunde zu Ohren, dass Marik sein großer Feldherr umgekommen sei. Da ging er zum Haus seiner Witwe und sprach: „Kein Leid soll dir geschehen. Gott sei mit dir. In deinem Hause sollst du bleiben, und deine seidenen Stoffe, die du von deiner geschickten Hand webst, die sollst du mir alle verkaufen. Dein Sohn aber, der vaterlose Knabe, der schon ein prächtiger Jüngling ist, der soll mein Sohn sein. Ich will ihn über meine gesamte Habe setzen. Denn sein Vater hat mir treu gedient, und so wird auch er mein Getreuer sein.“ Die Witwe küsste seine Hände und salbte seine Füße mit Öl, und der Pharao adoptierte den Sohn von Marik. Dann ließ der Pharao Agnus suchen und vor seinen Thron bringen, und Marik von Marik sprach zu Agnus: „Ein Taugenichts soll nicht über dem Land der Sonne stehen. Ein Taugenichts soll nicht über der Habe des Pharao stehen. Ein Taugenichts soll mit Sacktuch bekleidet ins Land der Wüste gehen.“  Da schickte der Pharao Agnus fort, und niemals hat ein Mensch wieder etwas von ihm gehört.

©

 

 

Nach oben