Märchen-von-Hiltja-und-Alida

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Das Märchen von Hiltja und Alida

Ein Ehemärchen oder ein Ehe-Alptraum - Es ist auch ein Märchen vom Glück und vom Mutter-sein

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Es war einmal ein kleines Haus am Meer. Vor dem Haus blühten wilde Orchideen, und die Luft schmeckte salzig. Das Haus stand auf einem Felsen. Am Fuße des Felsens lag ein schmaler Strand, auf dem die kleinen Boote der Fischer lagen. Hinter dem Haus erstreckten sich dunkle Buchenwälder, in denen Vladan mit den anderen Männern des Dorfes nach Rotwild zu jagen pflegte. Vladan hatte das kleine Haus erbaut, bevor er um Hiltjas Hand anhielt. Hiltja war die älteste von fünf Töchtern eines Fischers. Weil es dem Fischer versagt geblieben war, einen Sohn zu haben, war sie es, die mit dem Vater aufs Meer hinaus fuhr, denn Hiltja war stark und stolz. Das hat Vladan gefallen. Doch als er ihren Vater bat, ihm seine Tochter zur Frau zu geben, sagte der Vater: Nein. Wähle Alida, meine zweitälteste Tochter zur Frau, und sie wird noch in diesem Sommer die Deine sein. Vladan, der es nicht gewohnt war, ein Nein zu akzeptieren, entführte Hiltja in sein Haus, und bevor das Korn reif war, führte er sie zum Traualtar.

Als die Hochzeitsglocken verklungen und die Musikanten nach Hause gegangen waren, fluchte Alida ihrer Schwester und blieb im Haus des Vaters. Doch es schien so, als wolle das Glück ewig über dem kleinen Haus am Meer liegen. So verging ein Jahr. Die Nacht war sternenklar und mild. Vladan ging unruhig vor dem Haus auf und ab, und als der Morgen kam, erlöste ihn ein süßer Schrei von den Qualen seiner Angst und der Ungewissheit. Eine kleine Tochter hatte das Licht der Welt erblickt. Ein süßer Schrei brachte einen Baum von einem Mann zum tanzen. Und ein mit Schmerz erfüllter Schrei einer Mutter war es, der einen Baum von einem Mann zerbrach, noch bevor das Kind von seiner Mutter Brust entwöhnt war. Schwarze Regenwolken ergossen sich über das kleine Haus am Meer, und der Regen wollte nicht aufhören, bevor die unglückliche Mutter keine Tränen mehr hatte.

Das Leben ist ein Fluss, und einen Fluss kann der kleine Fisch nicht aufhalten, wenn er darin stirbt.

Und einen Fluss kann der Biber nicht aufhalten, wenn er seinen Bau verlässt, nachdem die Jungen gestorben sind. Vladan pflegte die zu Puder zerriebenen Geweihe des Wildes zu Geld zu machen, das er in den dunklen Wäldern hinter dem kleinen Haus am Meer erlegt hatte. So führten seine Wege ihn oft in die fernen Städte des Landes. Der Biber hat seinen Bau verlassen, und der Mann kehrte nicht mehr in sein Haus zurück.

Zurück blieb Hiltja. Sie flickte die Netze ihres Vaters und verkaufte die Fische, die sie gefangen hatte, auf dem Markt. Sie stillte ihren Durst mit ihren Tränen, und sie sättigte sich mit dem Werk ihrer Hände, und die Frauen des Dorfes gaben ihr wollene Decken und einen Krug mit Öl. Und es war, als ginge die schwarze Nacht über dem Haus am Meer schließlich in einen neuen Morgen über. Der Morgen war nebelig, und nur selten drang ein Sonnenstrahl zu der Frau hindurch. Ihr Haar wurde weiß wie der Nebel, und ihr Herz wurde kühl, weil kein Sonnenstrahl da war, der es wärmte. An einem Julimorgen ging die Frau am Strand entlang, wie so oft in dieser Zeit. Ihr einziger Gefährte war das Rauschen des Windes. Sie sprach von der Sonne, nach der sie sich sehnte und von ihren Kindern, die sie niemals mehr haben würde. Denn sie war schon alt. Sie sprach: „Warum antwortest du mir nicht, Wind, mein treuer Gefährte?“ Da drang eine Stimme an ihr Ohr, und die sprach: „Ein Tagelöhner bin ich. Und mein Schiff ist schon lange gesunken. Vorbei ist das Dunkel der Nacht, doch meine Tage sind voll Nebel. So kann ich die Sonne nicht sehen. Doch an mein Ohr drang ein süßes Säuseln. So komme nur zu mir, reiche mir deine Hand, Wind, meine einzige Gefährtin.“ Da riss der Himmel auf, und von diesem Tag an leuchtete die helle Sonne über den zwei Menschen am Strand, und sie leuchtete über dem kleinen Haus am Meer.

Hiltja und der Mann legten sieben große Steine nieder, am Fuße des kleinen Grabes des geliebten Kindes, an dem Lavendel und wilde Orchideen blühten.

Und an jedem Morgen legte die Frau ihre Hand auf die Steine am Grab. Sie hielt einen Augenblick inne, und ihr Blick glitt über das türkisblaue Meer. Und an jedem Morgen legte der Mann seine Hand auf Hiltjas Schulter, und sie ging mit ihrem Gefährten ins Haus, und sie aßen ihre Morgensuppe, und die Sonne schien hell und warm durch das Fenster. So vergingen die Jahre.

An einem schönen Tag, die Morgensuppe war gerade gegessen, da klopfte ein junger Mann an der Tür, und neben ihm stand seine Mutter. Die Frau war von schöner Gestalt und noch gar nicht alt. Ihre roten Locken hatte sie mit einem saphirgrünen Band zusammen gebunden. Nur eine einzige graue Strähne bedeckte ihre glatte Stirn. Ohne das Haus zu betreten begann der junge Mann mit seiner Rede: „Dies ist meines Vaters Haus. Darin werde ich mit meiner Mutter wohnen.“ Die Frau unterbrach ihn und trat ihm entgegen. Sie sagte: „Mein Mann ist der Vater meines einzigen Kindes, es liegt da drüben unter Steinen, Lavendel und wilden Orchideen begraben. Sieh, junger Mann, der Vater meines Kindes, sein Herz war gebrochen, und er starb daran, schon vor vielen Jahren. Seinen Leib hat man über den des Kindes gelegt, denn noch ein Grab konnte ich nicht bezahlen.“ Der junge Mann aber redete mit fester Stimme: „Mein Vater hat mir das Haus genau beschrieben. Die wilden Orchideen, der dunkle Wald, der Felsen und der schmale steinige Strand..“ Da fragte die Frau: „Warum, fremder junger Mann, bist du nicht in deiner Heimat geblieben? Welches Schicksal führt dich und deine Mutter zu mir?“ Da erzählte der junge Mann von langen Wintern, die nicht aufhören wollten, von Getreide das nicht reif wurde ob der kurzen Sommer. Er sprach von Schnee, von Kälte und von vielen hungrigen Menschen, die ihre Heimat verlassen haben. Er sprach von seiner Heimat und von einem grünen Land, über das ein ihr fremder Gott ein weißes Leichentuch aus Schnee gelegt habe. Er sprach von Hab und Gut, das unter Schnee begraben ist. Er sprach von dem Klang der Saiteninstrumente in seines Vaters Haus, dessen Klang nie wieder an seine Ohren dringen möge. Er sprach von der Not der Fremden in der Stadt Abella, wo die Menschen sorglos waren, wo die Haselnüsse und die saftigen Früchte prall und köstlich an den Bäumen hingen, als würden sie nur darauf warten, verzehrt zu werden. So war auch seine Mutter eine Vertriebene geworden, und er, ihr Sohn, sei ihr einziger Gefährte.

Da zeigte die Frau auf das kleine Haus am Meer, und sie sprach: „Dieses Haus steht auf einem starken Felsen. Doch sieh, darin befinden sich nur zwei winzige Kammern und der große Raum in dem der Herd steht. In der vorderen Kammer schläft die alte Witwe, denn ihr Haus hat ein undichtes Dach, und auch wir haben nicht das Geld für die Ziegel. In der hinteren Kammer ruhen mein Gefährte und ich. Im Haus ist kein Platz für euch. Doch sieh, da drüben vor dem Wald liegt das Haus der alten Witwe. Junger Mann, zwei starke Arme hast du, und zwei gesunde Hände. So nimm von dem, was du noch bei dir hast und baue du ein neues Dach, und das Haus der alten Witwe, es soll dein sein.“ Da schrie die Frau mit den roten Haaren: „Sieh, die Verstoßene! Ihr Mann hat sie verlassen weil sie eine Hure ist. Sieh: Ihre gierigen Augen! Den Scheidungsbrief wollte sie begehren, weil ihr gieriger Blick auf den Teppichen und Vasen und auf der halben Habe ihres Mannes lag. Doch sieh, kein Richter würde einer Verstoßenen einen Scheidungsbrief geben. Mein Sohn, schaue auf deine Mutter. Arm ist sie, eine Witwe und ein Flüchtling, eine Vertriebene. Elend steht sie vor den hohen Augen dieser Hure, und eine Hure hat ihr Erbe verwirkt.“ Da wurde der Sohn bitter gegen die arme Frau, und er sprach zu Hiltja: „Am Tag nach Neumond werde ich meine Mutter in dein Haus führen. Und du wirst nicht mehr da sein.“

Die Frau blickte hinaus aufs Meer und ihre Gedanken wanderten zum Horizont. Ihr war, als ob sie darin versinken. So stand sie da bis die Sonne rot im Meer versunken war. Bevor der Morgen graute, eilte sie zur Mühle. Der Müller war ein großer stattlicher Mann, kaum älter als die Mutter des jungen Mannes. Doch ein Weib war ihm nicht vergönnt.  Sie erzählte dem Müller von dem jungen Mann und seiner Mutter, und sie erzählte ihm, dass er am Tag nach Neumond zurückkehren und sie aus ihrem Haus verjagen will. Der Müller hörte ihre Rede regungslos an, und kein Wort kam über seine Lippen. Doch seine Augen blitzten, als wollten sie der Frau sagen: „Geh‘ in dein Haus zurück, und schweige.“ Die Sonne ging auf, und sie ging unter, jeden Tag. Und in der Neumondnacht lauerte der Müller der rothaarigen Frau und ihrem Sohn auf, auf dem Weg durch den Wald, der zu dem Haus am Meer führt. Er entführte die Frau und nahm sie mit in sein Haus, und noch im gleichen Sommer wurde Hochzeit gefeiert. Die Kunde von der Hochzeit des knorrigen Müllers und der fremden Frau mit den roten Haaren zog bald über das ganze Land. Mit dieser Kunde zog eine weitere über das Land. Es war die Kunde von dem buckligen Müller, der es dank seiner Hände Arbeit plötzlich zu Reichtum gebracht hat.

Seine schöne Frau aber, so sagt man, sei früh verschieden. Der Sohn jedoch wurde bald der harten Arbeit und der kargen Speise müde.  Seine Augen wurden trüb und er beugte seinen Nacken. So kam es, dass drei Jahre nach der großen Hochzeit ein dünner junger Mann mit gesenktem Haupt vor der offenen Tür des kleinen Hauses am Meer stand. Da sagten die Frau und ihr Gefährte: „Komm herein, iss und ruhe dich aus. Dann sollst du das Haus der alten Witwe Stein für Stein abtragen. Nimm die Ziegel, und baue ein Zimmer an mein Haus an. Darin sollst du wohnen.“ Seit dem sind viele Generationen vergangen und die Sonne steht noch immer abends rot am Horizont, bevor der alte Tag  im Meer versinkt. Und nach jeder dunklen Nacht bringt die Sonne einen neuen hellen Tag hervor. - www.b-naporra.de

 

 

 

 

 

 

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